Helmut Kohl wollte vor allem Einheit und Einigkeit demonstrieren

Von Werner A. Perger

Dresden, im Dezember

Zweimal im Leben hat Helmut Kohl, wenn wir den Bundeskanzler beim eigenen Wort nehmen, gehörig Glück gehabt. Einmal ist er – 1930 – spät genug auf diese irre Welt gekommen, so daß er im System des Nationalsozialismus nicht mehr schuldig werden konnte. Dafür prägte er die legendär gewordene Metapher von der Gnade der späten Geburt. Ob ein nur etwas älterer Helmut Kohl, so soll man sie verstehen, den Anfechtungen einer politischen Karriere unter den Nazis widerstanden hätte, ist durchaus ungewiß.

Das zweite Mal kam der heutige Bundeskanzler des vereinigten Deutschland nach dem Krieg wieder durch günstige Umstände davon: "Ich hatte das Glück", sagte er dieser Tage auf dem CDU-Parteitag in Dresden, "in meiner Heimatstadt Ludwigshafen zu Weihnachten 1946 im Alter von sechzehn Jahren Mitglied der CDU werden zu können." Im befreiten Westen also.

Es war, könnte man in Anlehnung an die ominöse späte Geburt sagen, eine Art Gnade der rheinischen Lage. Denn wer weiß: "Wenn ich in jenen Tagen in Leipzig gelebt hätte, wäre ich aufgrund meines Elternhauses mit großer Wahrscheinlichkeit ebenfalls zur CDU gegangen." Zur Ost-CDU also. Er wisse nicht, sagte der Vorsitzende der mittlerweile gesamtdeutschen CDU auf deren 2. Parteitag, "welchen Weg ich selbst gefunden hätte".

So hat der Bundeskanzler das größte aktuelle Problem seiner Partei im vereinigten Deutschland, die Frage der Mitschuld der Ost-CDU und ihrer damaligen Amtsträger an den Zuständen im SED-Staat, zur Chefsache erklärt. Ich und die Geschichte: "Ich weiß nicht...‚ ob ich die Kraft besessen hätte, das Zuchthaus, etwa in Bautzen, zu riskieren, oder ob ich mir eine Nische gesucht hätte. Im Blick auf solche Fragen sollte sich jeder vor Besserwisserei oder gar Arroganz hüten."