Von Ingo Arend

KÖLN. – Die siebzigste Wiederkehr des Geburtstages von Joseph Beuys konfrontiert viele Künstler auch mit der Erfahrung, daß eine Ära künstlerisch inspirierten gesellschaftlichen Umbruchs historisch geworden ist. Die Revolution fand nicht statt, jedenfalls nicht im Westen; der Kunstmarkt wurde nicht ausgehebelt, statt dessen die Antikunst vom Markt geschluckt. Wenn die Werke von Daniel Buren (der mit den Streifen) nun im Dienst von Air France stehen oder die eines der Anführer der antiimperialistischen "Art Workers Coalition" in New York, Carl Andre (der mit den Kupferplatten auf dem Boden), wie jüngst geschehen, im Frankfurter Karmeliterkloster ausgestellt werden, darf schon einmal die Sinn- und Erfolgsfrage der kritischen Kunst gestellt werden.

Viele Revolutionäre von einst ereilt das Schicksal musealer Aura. Ist auch Joseph Beuys auf dem Wege zum ungefährlichen Klassiker, als Kunst- und Kulturmumie in Staatsgalerien aufgebahrt, eingefangen wie eine Fliege im Bernstein der Postmoderne? Seine Ästhetik wurde in diesem Jubiläumsjahr unter musealem Glassturz kunstsinnig ausgeleuchtet – ein Stück kunsthistorischer Wiedergutmachung an dem lange als "zu politisch" Verfemten, gewiß. Sein Beispiel sozialverpflichteter Kunst wurde nur am Rande behandelt, findet kaum Widerhall. Die Zitadelle des Nordens sucht ringsherum ein Ghetto der Reichen gegen den Rest, gegen die Zweidrittelwelt im Süden zu halten. Ihre selbstverliebte Postmoderne huldigt derweil den neuen Schamanen der Sattheit und des Überdrußes mit den Namen Jeff Koons und Cicciolina.

Vorbei die Zeit, in der mit Environments wie "Zeige mir Deine Wunde" Beuys die verdrängten Tabus, die individuellen wie die gesellschaftlichen Wunden schmerzhaft ins Bewußsein hob. Die öffentliche Durchschlagskraft solcher Aktionen hatte etwas mit dem Gleichklang von künstlerischem und gesellschaftlichem Veränderungsdrang zu tun. Weil es daran heute fehlt, ist die Lage der Kunst schwieriger und anders geworden: Es wäre falsch zu glauben, daß sie in einer Abwicklungsgesellschaft, der der Veränderungsdiskurs abhanden gekommen ist, allein diese ganze Richtung der Gesellschaft aufbrechen kann.

Dabei gäbe es Gründe genug für ein neues kritisches Selbstverständnis der Kunst in einer Zeit epochalen historischen Umbruchs. Die ökologischen und sozialen Probleme unserer Gesellschaftsform sind keineswegs überwunden. Die Fragen nach der SOZIALEN PLASTIK; nach dem GESAMTKUNSTWERK ZUKÜNFTIGE GESELLSCHAFTSORDNUNG, wie Beuys im Manifest: "Ich durchsuche Feldcharakter" von 1971 schrieb, die Suche nach neuen Formen der Konfliktlösung jenseits des schizophrenen militärischen Angstfriedens, nach neuen Bildern von Natur, Arbeits- und Lebenszeit, nach dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft und den Geschlechterbeziehungen sind weiter offen.

Das diesjährige Beuys-Jubiläum bietet Anlaß, die Erfahrungen der Zeit, als die Kunst sich zur tätigen Avantgarde des politischen Kampfes zählte, kritisch zu resümieren. Dazu gehört sicher die Erkenntnis, ihr nicht neuerlich eine einseitig politische Vorreiterrolle überzustülpen.

Aber ist es nicht auch selten geworden, daß sie die gefährlichen Tendenzen mit aufspürt und den Finger auf die rauhen Stellen der Gesellschaft legt? Wäre ein Künstler heute nicht idealerweise ein Asylant? Müßte er sich heute nicht dort ansiedeln, wo die Gesellschaft ihre Wunden hat? Erst wenn wir diese Wunden auch wirklich sinnlich erfahren, entstehen die Möglichkeiten, die Dinge positiv zu wenden und Gegenentwürfe zu entwickeln.