Vor zehn Jahren kam die Affäre ins Rollen, jetzt scheint die Zeit für Abrechnungen zu nahen. Eberhard und Helga von Brauchitsch haben jedenfalls einen Anfang gemacht, in einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Das Motto der beiden, die nach der Flick- und Parteispendenaffäre "die Tür hinter sich zugeschlagen" haben und in die Schweiz gezogen sind: "Wenn wir noch etwas dürfen in dieser Republik, dann dürfen wir etwas sagen ... Das ist der einzige Vorteil, den man noch hat."

Es geht nicht allein um Kohl und Kaviar. Zum Kern der Sache, wie er sie wahrnimmt, kommt der ehemalige Flick-Manager mit folgendem Satz: "Es bleibt Ihnen nichts anderes übrig, wenn Sie diese Themen behandeln wollen, als auch in die Soziologie der Feindschaften der Klassen in dieser Republik einzutreten."

Brauchitsch wertet seine These selber ein bißchen dadurch ab, daß er sich die Veröffentlichung des Spiegel über seine Rolle in der Spendenaffäre, wofür er schließlich auch verurteilt worden ist, nur mit Haß "zum Beispiel gegen den alten Adel" zu erklären vermag.

Aber eine Soziologie der Feindschaften der Republik – der Gedanke hat etwas Richtiges. Denn – nicht wahr? – Feindschaften sind ja nur zu oft die Kehrseite von Freundschaften, die in Wahrheit gar keine waren.

Vor gut einem Jahr, so Brauchitsch, habe die 7. Große Strafkammer des Landgerichts Bonn seine Strafe erlassen. Und dann: "Die Männer, denen ich durch meine Haltung genutzt habe – ich meine die Politiker und persönlich den Bundeskanzler –, hätten jetzt viele Monate die Chance gehabt, irgend ein Signal zu setzen und zu sagen: Die Strafe ist erlassen, die Sache ist vorbei, scheißegal. Es gibt genug Wirtschaftsunternehmen, die haben Signale gesetzt und meine Geschichte nicht wie Porno gehandelt. Warum zum Teufel sind die Burschen bei der Bundesregierung zu feige, um hier einfach ein Signal zu setzen?"

Jetzt erzählen die beiden Brauchitschs die "Seifenoper" (Helga) über den Kaviar für Kohl und dessen Gattin noch einmal genauer. Und zwar deshalb, weil Kaviar auch eine ganz phantastische Metapher ist, nämlich für eine Haltung des Kanzlers und für die Politik überhaupt, "mitzunehmen, was man mitnehmen kann".

Also plaudern sie aus, wie Helmut Kohl den Kaviar mitnimmt, der seiner Frau zugedacht war; wie Hannelore Kohl wg. Kaviar anfragt und erfahren muß, daß ihr Mann ihn nach Bonn mitnahm; wie Brauchitschs Fahrer nun ein Portiönchen speziell Frau Kohl zuschickt und wie dann das Dankschreiben ausbleibt – was folgenreich dazu führt, daß Brauchitsch den "Vorgang" nicht als erledigt aus den Akten wirft.