Von Robert Leicht

Die Nürnberger hängen keinen, sie hätten ihn denn. Niemand wollte Erich Honecker aufhängen. Aber nun kann er wohl nicht einmal mehr vor Gericht gestellt werden.

Zu Anfang der Woche wollte in Moskau im hektischen Hin und Her niemand mehr so recht die Flucht des einstigen Staats- und Parteichefs nach Nordkorea aufhalten. Schon gar nicht die Vertreter der siechen Sowjetunion, die Honecker zu sich holten und dabei knapp an einer Verletzung der Souveränität des eben geeinten Deutschland vorbeischrammten. Aber nicht einmal mehr alle russischen Politiker, die das drängende und drängelnde Bonn über Wochen mit doppeldeutigen Versprechungen hingehalten hatten. Auch ihnen schien das Hemd – welches eigentlich? – näher zu sein als der Rock. In Chile schließlich mochte niemand die Stabilität einer Regierungskoalition für den Fortgang der deutschen Justiz aufs Spiel setzen.

Erich Honeckers Weg aus seiner zerfallenden Diktatur zur nächsten – und nun zur Endstation in einem Land, in dem die kommunistischen Betonköpfe härter sind und der Wandel ferner liegt als anderswo? Es wäre durchaus symbolträchtig: Gleich und gleich gesellt sich gern. Aber müssen einige deutsche Politiker angesichts des Moskauer Dreieck-Spiels aus ihrem Herzen alsbald eine Mördergrube machen und sagen: Da liegt er gut, der Honecker?

Wer bisher als Politiker auf einem ordentlichen Prozeß gegen den vormals ersten Mann des zweiten deutschen Staates bestand, geriet schnell in den Verdacht, mit dieser Forderung nur die Jahre vertuschen zu wollen, in denen er sich mehr als unbedingt erforderlich auf die SED-Diktatur eingestellt und eingelassen hatte. Diesen Distanzverlust hatte es bei allen Bonner Parteien durchaus gegeben, und nicht nur dort. Aber wenn man sich auf eine kritische und schmerzliche Befragung einließ, wurde umgekehrt ein Schuh daraus. Dann geriet in Wirklichkeit derjenige in den Verdacht der Vertuschung, der sich Honecker so weit weg wie möglich wünschte. Da wurde noch nachträglich zum Komplizen, wer den Täter vorweg zum Opfer stilisierte: zum Opfer einer rechtsstaatlichen Justiz.

Das klammheimliche Aufatmen, das in Bonn bereits zu vernehmen war, bevor man richtig wußte, ob Honecker Moskau verlassen würde, sollte uns eher skeptisch stimmen. Was stünde denn einem Prozeß gegen Honecker im Wege? Was hätte unsere westdeutsche politische Klasse zu befürchten, falls der frühere SED-Chef vor seinem irdischen Richter aussagen würde? Enthüllungen über allzu große Nähe da und dort? Dispute darüber, ob nicht auch der Westen mit der durch die Mauer geschaffenen "Stabilität" ganz gut zu leben wußte, aller Proteste ungeachtet? Über eines müssen wir uns im klaren sein: Je deutlicher die Stoßseufzer der Erleichterung ausfallen, desto größer wächst das Mißtrauen, ob es da nicht vieles gab, was besser gnädig verschwiegen wird.

Wohl wahr, die Lage ist mehr als doppeldeutig im geteilt-geeinten Deutschland. Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat dies gerade eben in seiner Heine-Preis-Rede skizziert. Der Osten habe die bittere Erfahrung gemacht, "daß durch die freie Welt nichts geschah, als man es in entscheidungsvollen Phasen erwartet hatte" – weder 1953 noch 1956, noch 1961 und auch nicht 1968. "Im Westen wurde diese Untätigkeit als Preis für den Frieden verstanden. Im Osten aber mußte man sich mit der Erkenntnis abfinden, eingesperrt und der Diktatur zu Hause unentrinnbar ausgeliefert zu sein." Erst die neue Ost- und Deutschlandpolitik brachte Wandel, weil der Westen im Interesse der Opfer mit den Tätern zu verhandeln begann.