Von Walter Jens

für Wolfgang Hildesheimer

Ich stelle mir vor, in der Komischen Oper zu Berlin: an einem Ort, wo sich, der Tradition des Musiktheaters entsprechend, die Grenze zwischen der Opera seria und der Opera buffa als mühelos passierbar erweist ... ich stelle mir vor, zum Beispiel hier seien, auf steilen, bis zum Schnürboden hinaufragenden Tribünen die Poeten vereint, Stückeschreiber und philosophierende Essayisten, handfeste Romanciers und zarte. Lyriker, spekulative Geister und Libretto-Schreiber, um, zum Ausklang des Fest-Jahrs, nach der gelehrten Analyse auch die produktive Meditation zur Geltung zu bringen: Kollege Mozart – was bedeutet er uns?

Und so säßen sie dann beieinander, in der Behrenstraße, die Schriftsteller aller Nationen und Epochen: Grillparzers Wienerisch gäbe einen aparten Kontrast zu Sartres elegantem Französisch – Sartre, der es zu Lebzeiten liebte, auf dem Klavier mit Mozart die Kräfte zu messen.

Und wer fängt an? Richard Wagner natürlich: sächsisch und vorwitzig, von einem Sessel aufspringend. (Man hätte ihn übersehen können, weil er so klein war.) Wagner also, aber warum? Um über den Jubilar zu reden? Keineswegs. Die Bearbeitung seiner, Richard Wagners, Verteidigung der deutschen Don-Giovanni-Fassung stünde zur Diskussion. Doch kaum, stellen wir uns vor, habe Wagner begonnen, da unterbräche ihn auch schon ein anderer Sachse – Nietzsche: wer sonst? –, um – ich melde Widerrede an – ausführlich darzulegen, daß es Wagner keineswegs zustehe, ausgerechnet über Mozart zu reden: Schließlich sei er, ein Schauspieler und Rhetor von Natur mit all seinem bombastischen Pomp, der Allerletzte, der sich anmaßen dürfe, Mozart, diese "zärtliche und verliebte Seele", zu feiern, die, romantischer Verklärung fern, im 18. Jahrhundert wurzle, umgeben von reiner und klarer Luft: Paris näher als Wien oder gar, man bitte um Entschuldigung, Leipzig. Wer einmal mit angehört habe, wie Wagner, ein "Meister des dramatischen Hochreliefs", Mozart am Piano traktiere, gewaltig und auf pathetische Wirkung bedacht, der müsse sich fragen, ob solch ein Spiel "nicht ganz eigentlich eine Sünde wider den Geist" sei, den "heiteren, sonnigen, zärtlichen, leichtsinnigen Geist Mozarts", dessen sanfte und gütige Bilder nun einmal "nicht aus der Wand herausspringen" wollten, "um die Anschauenden in Entsetzen und Flucht zu jagen". "Oder meint ihr etwa", riefe Nietzsche den Poeten zu ... "oder meint ihr etwa, Mozartsche Musik sei gleichbedeutend mit,Musik des steinernen Gastes’?"

"Gewiß nicht", riefe darauf ein hageres Männchen, das zappelnd, wippend, auf- und abschnellend (mit Bewegungen, die ihm offenbar dazu dienten, in Mozarts Rolle zu schlüpfen), doch müsse er, Victor Eremita alias Sören Kierkegaard aus Kopenhagen, mit Nachdruck betonen, daß ihm die Don-Giovanni-Deutung des Kollegen aus Deutschland denn doch ein wenig harmlos erschein das Erotisch-Dämonische dieser Oper über allen Opern sei gründlich verkannt und derart zu wenig bedacht, daß Mozart mit seinem Don Juan in die kleine unsterbliche Schar von Männern getreten sei, "deren Werke die Zeit nicht vergessen wird, sintemal die Ewigkeit sich ihrer erinnert".

Und schon finge, stellen wir uns vor, Kierkegaard an, unbekümmert um alles Geflüster, Gelächter, ja schließlich Lärm rings um sich herum, die Sätze aus den "unmittelbar erotischen Stadien" zu wiederholen, die da lauten: "Ich bin jungmädchenhaft in Mozart verliebt, und ich muß es haben, daß er obenan steht, koste es, was es wolle. Und ich will zum Küster gehen und zum Pfarrer und zum Probst und zum Bischof und ans ganze Konsistorium, und ich will sie bitten und beschwören, sie möchten mir meinen Wunsch erfüllen." Wenn aber nicht, "so trete ich aus der Gemeinde aus, so bilde ich eine Sekte, welche nicht allein Mozart an die oberste Stelle setzt, sondern nichts anderes als Mozart hat. Mozart! Unsterblicher Mozart! Du bist es, dem ich alles verdanke, daß ich meinen Verstand verloren, daß meine Seele sich erstaunt ... Du bist es, dem ich es danke, daß ich nicht durchs Leben gegangen bin, ohne daß etwas imstande gewesen wäre, mich zu erschüttern. Du bist es, dem ich dafür Dank sagen muß, daß ich nicht gestorben bin, ohne geliebt zu haben."