Peter Zadek inszeniert den "Dramatischen Epilog" an den Kammerspielen

Von Rolf Michaelis

Wieder ein Münchner Zadek. Können Städte, das Kunst-Klima einer Stadt, der lebendige Geist eines Theaters die Inszenierungen eines Regisseurs prägen? Zadeks Arbeiten für Hamburg: "Othello", "Lulu", "Andi" – immer ist die Reeperbahn nah, nicht nur wegen viel bloßer Haut, sondern vor allem wegen der robusten Direktheit, der bis zur Brutalität gereizten Offenheit und Sprengung aller Form.

Nichts von der Unbedingtheit seiner Wahrheitssuche gibt Zadek auf, wenn er in München arbeitet – und doch ist man versucht, auf den Programmzettel zu schauen. Ist da in Hamburg, in München wirklich derselbe Mann an der Arbeit? Seltsam still, auch leise, in sich geschlossen, Form und Struktur herausarbeitend: so die Inszenierungen des Regisseurs in und für München, Ibsens "Baumeister Solness" (Residenztheater, April 1983), Federico García Lorcas "Yerma" (Kammerspiele, März 1984).

Wie in diesen Inszenierungen arbeitet Zadek auch bei Ibsens letztem Werk, dem "Dramatischen Epilog" in drei Akten "Wenn wir Toten erwachen" (1899), an den Kammerspielen mit Götz Loepelmann zusammen. Von Anfang an ist klar, daß in diesen hell ausgeleuchteten, leeren Räumen vom Realismus, gar Naturalismus der Jahrhundertwende nichts geblieben ist. Vor der Rampe liegt groß ein brauner Kahn. Deshalb muß der Bühnenbildner einen neuen Vorhang malen, der die vorgezogene Bühne schließt. Über blau schäumendem Meer, unter mächtig weißem Himmel, geht rotgold strahlend die Sonne unter.

Oder geht sie auf? Das Leuchten verspricht eher ein Sonnenaufgangs-Stück, obwohl Ibsen die drei Akte der Abrechnung mit seinem Jahrhundert, seiner Zeit und Welt – mit sich selber und seinem Werk – einen "Dramatischen Epilog" nennt, der am 26. Januar 1900 in Stuttgart uraufgeführt worden ist.

Schon im Vorhang ist die Spannung Bild geworden, die das selten gespielte Stück zerreißt: Abschied von der Welt oder Ruf ins Leben? Ja, das Liebespaar, das sich ein Leben lang aus Schuld verfehlt hat, der alte Maler Arnold Rubek und sein Modell aus Jugendtagen, die Frau mit dem Friedens-Namen "Irene", die das Personenverzeichnis mit der Bedeutungs-Wucht des Symbolismus "Eine reisende Dame" nennt, die beiden steigen liebestrunken, todessüchtig hinauf ins Hochgebirge und sterben im Eis.