Straßen-Umbenennungen sind Denkmalsstürze ohne Bagger und großes Gerät. Umbenennungen wie Sockelfall sind Racheakte des Zeitgeistes von heute, wenn ihm der von gestern als Schreckgespenst oder Spuk erscheint. Und solche Rache- als Verwaltungsakte gehören derzeit zum Gesellschaftsspiel Berlins und der neuen Länder.

Und andererseits: Rückbenennungen sind Restaurationsarbeiten an der Stadtidentität, die fast nichts kosten. So haben wir denn einer Bekanntmachung des Bezirksamts Mitte von Berlin mit Freude entnommen, daß es im Laufe des Dezembers wieder eine Taubenstraße, eine Jägerstraße, eine Strelitzer und eine Markgrafenstraße gibt, daß vor allem die Luisenstraße wieder begehbar sein wird (eben noch dem großen Hermann Matern gewidmet); nicht ganz so ungeteilt ist die Freude über den Tausch Gendarmenmarkt für Platz der Akademie. Natürlich spricht alles für den alten Namen – vor allem die literarischen Reminiszenzen aus fast 200 Jahren tun es –, aber die leicht bittere Pointe bleibt doch, daß wieder einmal die Gendarmen („Zaruck, zaruck“, würde Glaßbrenner sagen) die Akademiker aus dem Felde schlagen.

Übergehen wollen wir einen Schildbürgerstreich wie den, die Otto-Grotewohl-Straße (weiland Wilhelmstraße) in Toleranzstraße umzubenennen. Aber eine wirkliche Toleranz des Bezirks Mitte wollen wir mit Zufriedenheit, ja mit einer Nuance von Entzücken melden. Da muß wenigstens einer mitgewirkt haben, der noch den guten alten deutschen Satz kann: „Nu mach mal halblang!“ Die Bekanntmachung spricht nämlich auch davon, daß der Marx-Engels-Platz in Lustgarten zurückbenannt werde, doch „nur der nordöstliche Teil zwischen Dom, Altem Museum und Karl-Liebknecht-Straße“.

Das bedeutet: Wir haben unsern Berliner „Lustgarten“ wieder, der alte Name wird aufs neue dort eingeschrieben, wo er seinen wahrhaft angestammten Platz hatte. Das bedeutet aber auch: Die angrenzende Weite, dieses Paradestück eines real nie existierenden Sozialismus, heißt weiter so wie bisher. Das bedeutet aber vor allem: Wir haben da jetzt eine lehrreiche Konstellation, eine schöne geschichtliche Nachbarschaft, eine Art Idealkonkurrenz.

Das ist nicht ironisch gemeint. Im Gegenteil: pathetisch. Denn gerade weil die beiden deutschen Philosophen und Ökonomen und Sozialschwärmer nicht das geschafft haben, was ihnen mit ihrem Lebenswerk vorgeschwebt hat, ein Paradies auf Erden, so finden sie sich posthum doch mit einem Altenteil klassischer Utopie beglückt, eben dem Lustgarten. „Das Land war verheeret, und itzt ists wie ein Lustgarten“ (Hesekiel, 36, 35). In neueren Übersetzungen des alten Propheten steht für Lustgarten der Garten Eden, also das Paradies. Zwar hat die Bibel nicht immer recht. Zwar ist ein nostalgischer Name noch keine Verheißung. Zwar macht ein alter „Lustgarten“ noch kein ganzes unverheertes Land. Aber gegenüber dem Zeitgeist wird hier doch signalisiert: Ohne Träume kommen wir nicht über den Tag. Wunschvorstellungen aller Zeiten, vereinigt euch: Lustgarten Marx Engels Platz.

Dieter Hildebrandt