Mit raffinierten Tricks bringen Geldanleger und Banken den Staat um Milliardeneinnahmen

Von Udo Perina

Böse Blicke trafen Ministerialrat August Schäfer, als er am vergangenen Freitag die Frankfurter Börse besuchte. Der Mann aus Wiesbaden gilt in der Börsenszene als gefürchteter "Schnüffler" der rot-grünen Landesregierung. Erst vor kurzem hat er sich die Bücher der amtlichen Kursmakler gründlicher vorgenommen als je ein Beamter vor ihm und ist dabei auf Indizien für einen riesigen Steuerbetrug gestoßen. Ausgerechnet die Makler, die sich selbst gerne als Ordnungskraft an der Börse bezeichnen, sollen den Fiskus systematisch um Millioneneinnahmen geprellt haben.

Schäfers Enthüllungen bedeuten für die Frankfurter Wertpapierbörse bereits den zweiten Steuerskandal in diesem Jahr. Erst im Sommer waren durch anonyme Briefe unsaubere Steuerpraktiken aufgeflogen. Einige der Beschuldigten versuchen sich zwar durch freiwillige Nachzahlungen aus der Affäre zu ziehen – dreißig Millionen Mark sind inzwischen beim Finanzamt eingegangen. Aber die Zahl der staatsanwaltschaftlichen Verfahren steigt laufend an. Gegen weit über 200 Personen und ihr Umfeld wird inzwischen ermittelt, weil sie hohe Gewinne hinter dem Rücken des Finanzamtes kassiert haben sollen.

Kein Verständnis

Auf dem Börsenparkett am Main finden sich heute viele Profis, die auf die eine oder andere Weise in die Skandale verwickelt sind. Dennoch ist von einem Schuld- oder einem Schamgefühl nichts zu spüren. Im Gegenteil: Manche Börsianer haben überhaupt kein Verständnis für die Steuerforderungen des Staates. Und die meisten privaten Anleger denken ähnlich. Mehr als zwei Drittel aller Deutschen empfinden es als Unrecht, daß Erträge aus Kapitalanlagen überhaupt versteuert werden müssen. Viele verschweigen ihre Ersparnisse gegenüber dem Finanzamt einfach, andere nutzen geschickt die vielen Schlupflöcher, die das Steuerrecht für Geldbesitzer offenläßt. Unterstützt werden sie dabei von Fachleuten, die sich teils plumpe, teils aber auch recht intelligente Tricks ausdenken.

Geldanleger werden heute überschwemmt mit mehr oder weniger seriösen Steuertips. Spezielle Infodienste kommentieren die neuesten Entwicklungen im Steuerrecht. Capital beschreibt ausführlich, "Wie Sie sich dem Zugriff (des Finanzamtes) entziehen". Manche Bank sorgt dafür, daß sich deutsches Geld in Luxemburg gut erholt. Und Buchhändler legen Titel wie "Geldanlage in Steueroasen" (Gabler-Verlag) neben die Kasse. In solchen Ratgebern erfährt der Leser dann, wie hoch die Kontogebühren auf den Cayman Islands sind und wie man einen Safeschlüssel über die Schweizer Grenze schmuggelt.