Die amerikanische Künstlerin in der ersten europäischen Retrospektive

Von Doris von Drathen

Wie berühmt muß ein Künstler sein, um als Einzelgänger gelten zu dürfen? Seit der krisengeschüttelte Kunstmarkt sich seiner zuvor hinter Erfolgsbilanzen getarnten Unsicherheiten bewußt wird, werden Etiketten noch eifriger verteilt als zuvor. Je unbekannter ein Künstler ist, desto geringer seine Chance, um seiner selbst willen entdeckt zu werden, und desto größer das Risiko, hinter zugkräftigen Schlagwörtern seine Individualität verstellt zu sehen.

Schon einmal hatte Agnes Martin dieser Marktmechanismus getroffen; das war in den siebziger Jahren, als man ihre stillen, mit feinem Gitterraster strukturierten Farbkompositionen mit dem Etikett „minimal“ versah. Und sie vergaß.

Inzwischen hat es sich herumgesprochen, daß die Malerin vom Jahrgang 1912 eigentlich noch zu der Generation der klassischen Avantgarde zu rechnen sei, und nun wird die internationale Entdeckung dieser zurückgezogen lebenden Künstlerin, die bisher nur wenigen bekannt war, in großem Stil nachgeholt. Der Katalog zur Retrospektive, die in diesem Jahr von Amsterdam über Wiesbaden, Münster nach Paris kam, ist von einer der mächtigsten Galerien New Yorks herausgegeben und feiert Agnes Martin nun also als Kollegin von Mark Rothko und Barnett Newman, von Jackson Pollock und Ad Reinhardt. Als müßte damit die versäumte Anerkennung schlagkräftig nachgeholt sein.

Die Künstlerin selbst aber hatte ziemlich viel darangesetzt, der „confusion“, wie sie sich ausdrückte, zu entgehen, als sie 1967 New York verließ, auf einer mesa, einem der Tafelberge in New Mexico, nach Art der Puebloindianer ein Lehmhaus baute und dort erst einmal sieben Jahre gar nicht malte, um über ihre Kunst nachzudenken.

„There is no such a thing as contemporary art“, lehrt die heute fast achtzigjährige Amerikanerin, die aus einer schottisch-kanadischen Farmersfamilie stammt. Und ihre zahlreichen Vorträge klingen fast wie Predigten, wenn sie sich mit leiser, insistierender Stimme gegen solche einengenden Kategorien wie „aktuelle Kunst“ wehrt und von dem ewiggleichen Ziel einer Kunst aller Zeiten spricht. Auf der mesa mit dem Blick in die. weite Einsamkeit der Steppenlandschaft von New Mexico malte Agnes Martin dann eines Tages weiter, und die Bilder, die sie 1974 aus ihrem Bergnest in eine Ausstellung schickte, schließen sich nahtlos an die abstrakte Bildwelt ihrer New Yorker Zeit. Auf dem einmal festgelegten Format, dem Quadrat von 183 mal 183 Zentimetern, spannt sich nach wie vor das mit Blei- oder Buntstift gezogene Gitter von vertikalen und horizontalen Linien. Das Raster, das ganz sacht die weißen, pastellblauen, zartgrauen oder auch rosagetönten Farbnebel gerade eben strukturiert, hatte Agnes Martin schon in den fünfziger Jahren erfunden, um über ein solches Regelwerk aus ihrer Naturkontemplation herauszufinden, in die reine Abstraktion zu gelangen. Während das Millimeterpapier im New York der fünfziger und sechziger Jahre einer ganzen Generation von Minimalisten den Hintergrund lieferte, hat Agnes Martin mit diesen Kategorien von „Law and order“ wenig zu tun, wenn sie mit zeremonieller, kontemplativer Geste ihre Linien mit der Hand zieht. Diese Haltung unterscheidet Agnes Martin wohl am deutlichsten von den um zehn Jahre jüngeren Minimalisten wie Sol LeWitt, Robert Morris oder Donald Judd, die eher an Raumbezogenheiten, architektonischen Aspekten und geometrischen Ordnungen interessiert waren. Als Agnes Martin 1972 vier Bilder auf der documenta zeigte, konnte innerhalb dieses Kontexts kaum jemand die eigenwillige Qualität dieser Bilder erfassen, die aus Minimal-Sicht etwas Schwärmerisches haben.