Stolz präsentierten die deutschen Banken in den vergangenen Wochen ihre Halbjahresbilanzen. Mit kräftig gewachsenen Bilanzsummen und Ertragszuwächsen erfreuten sie ihre Aktionäre. Während immer mehr Branchen über nachlassendes Wachstum klagen, sprudeln die Gewinne der Banken ungehemmt. Dennoch ist die Großfinanz mit ihren Geschäften noch immer nicht zufrieden. Sorgen bereitet ihr die lästige Betreuung der Kleinkunden. Dort, wo nicht in Millionen und Milliarden gerechnet wird, sondern in Hunderten und Tausenden, ist Banking angeblich unrentabel. Die Verwaltung von Girokonten oder die Abwicklung von kleinen Wertpapiergeschäften beschere den Banken nichts als Verluste.

Dennoch will die Branche nicht auf die Laufkundschaft verzichten. Deshalb werden Normalverdiener mit billigen Sonderangeboten immer wieder in neue Dienstleistungen gelockt. Sitzt der Kunde dann in der Falle, wird an der Gebührenschraube gedreht. Als Musterbeispiel gilt das Girokonto. Einstmals galt es als Errungenschaft und wurde kostenlos geführt. Doch dann kamen Gebühren über Gebühren. Mit Erhöhungen von über hundert Prozent in den vergangenen fünf Jahren haben die Institute ihren Kunden inzwischen den Spaß am Girokonto gründlich verdorben. Als Alternative werden Kreditkarten angeboten. Dort kosten Buchungen zwar – bisher – noch nichts. Per saldo verdienen die Kreditinstitute freilich ganz gut an der unabhängigen Provision. Selten weniger als 1,5 Prozent, aber auch schon einmal mehr als zehn Prozent von jeder bezahlten Mark wandern in die Kassen der Banken.

Nicht anders läuft es inzwischen mit Wertpapieren: „Das Huhn, das goldene Eier legt“ war das Schlagwort der siebziger Jahre, unter dem manch biederer Sparer in Pfandbriefe, Kommunalobligationen und andere Rentenwerte gelockt wurde. Dann kam die Aktien-Hausse der achtziger Jahre, die auch private Anleger – meist freilich zum falschen Zeitpunkt – zur Spekulation reizte. Doch jetzt schlägt auch im Wertpapiergeschäft die Falle zu: Die Gebühren werden drastisch erhöht. Nachdem die Commerzbank zu Jahresbeginn ihre Gebührenerhöhung um mehrere hundert Prozent nicht voll durchsetzen konnte, mußte jetzt die Dresdner Bank den Schwarzen Peter übernehmen. Mit einer Verfünffachung der Mindestsätze für Kleinanleger sind manche Transaktionen bei der Bank mit dem „grünen Band der Sympathie“ uninteressant geworden. Wetten sind jetzt erlaubt, wann die anderen Großbanken sowie die Genossenschaftsbanken und Sparkassen nachziehen werden.

Vorbei sind wohl bald die Zeiten, in denen Anleger sich in Unternehmerstolz wiegen konnten, wenn sie für ihre mühsam ersparten 20 000 Mark drei Siemens-Aktien erworben hatten. Kostet das Engagement erst einmal satte Gebühren, lohnt sich das Spielchen um Hausse und Baisse für den kleinen Mann nicht mehr. Und auch mancher Nachwuchs-Spekulant dürfte seine bittere Überraschung erleben, wenn er seine frisch erworbenen Kenntnisse aus dem „Planspiel Börse“ der Sparkassen in die Realität umsetzen will. Erstens ist er mit ein paar Mark am Bankschalter keinesfalls so willkommen wie als Teilnehmer einer Spielgruppe, andererseits bleibt nach Spesen von einem zehnprozentigen Kursgewinn einer Aktie oftmals nicht mehr viel übrig.

In Wahrheit sind Kleinanleger an der Börse auch gar nicht erwünscht. Ihre Wertpapiergeschäfte rentieren sich für die Banken nicht. Kunden ohne großes Vermögen werden deshalb zum Investmentsparen gedrängt. Diese Anlageform ist für die Kreditwirtschaft äußerst lukrativ.

Während von einem Kaufantrag für staatliche Bundesanleihen die beteiligten Banken gerade eben ein halbes Prozent in die eigene Tasche stecken können, bleiben bei einem Rentenfonds mit Anlageschwerpunkt in Deutschland erst einmal drei Prozent Ausgabeaufschlag, hinzu kommen die Erträge aus der Fondsverwaltung und – wenn der Anleger die Papiere empfehlungsgemäß im Bankdepot statt auf dem spesenfreien Investmentkonto verwahrt – auch noch Depotgebühren bei der Hausbank. Bei Aktien- und Immobilienfonds rechnet sich das Geschäft noch besser: Fünf Prozent Ausgabeaufschlag einmalig, ein Prozent Verwaltergebühr jährlich, Spesen für Transaktionen des Fonds und nicht zuletzt Depotgebühren summieren sich auf ein Mehrfaches des Ertrags, der mit dem Direktverkauf von Aktien zu erzielen ist.

Unbestritten ist, daß Kleinkunden mit einem eigenen Wertpapierdepot den Banken keinen Ertrag bringen. Im Gegenteil: Weil sie oftmals besonders nervös um ihre Papiere besorgt sind, verursachen sie nicht selten sogar höhere Aufwendungen als ein Großanleger, der Aktien für mehrere Millionen in seinem Depot hat. Jeder angehende Kaufmann lernt jedoch bereits in der ersten Berufsschulklasse, daß oftmals Mischkalkulationen erforderlich werden. So haben Banken durchaus Geschäftszweige, in denen gerade der Kleinanleger nicht unerheblich zu den Bilanzgewinnen beiträgt – etwa bei der Kraftfahrzeugfinanzierung, die cleveren Instituten eine Zinsspanne von über zehn Prozent beschert. Auch sollte sich schließlich ein Kleinanleger bei guter Beratung eines Tages zumindest zum „Durchschnittskunden“ entwickeln können, der auch mal für 20 000 oder 30 000 Mark Aktien kauft. Nicht übersehen sollten die Institute auch, daß oft gerade private Anleger einer Börse die erforderliche Stütze geben – eine Tatsache, die in Ländern wie Belgien mit staatlicher Hilfe gefördert wird.