Nord 3 (SFB, NDR, RB) 25., 26. und 31. Dezember 1991 und 1. Januar 1992, jeweils 17.15: "Volkskino – Amateurfilme aus der DDR"

Aus mehr als dreihundert Stunden Filmmaterial von Normal 8 bis Video wurden drei Stunden herausgefiltert und auf vier mal fünfundvierzig Minuten verteilt: Geschichten vom Alltag in vier Jahren Ostzone und vierzig Jahren DDR. Mit Ausnahme einiger halboffizieller Filme aus Betriebsfilmclubs und Amateurfilmstudios waren die Bilder nie zur Veröffentlichung bestimmt. Zum Vorschein kommt die Innenwelt der Familie, des Freundeskreises, der Clique – und die Außenwelt des Betriebes, der Stadt, der offiziellen Feiertage.

Die ältesten Aufnahmen erzählen vom Aufbau des zerstörten Leipzig, 1947, von Kindern, die in Trümmerloren spielen. Die jüngsten Bilder zeigen eine Potsdamer Familie am 10. November 1989 an der geöffneten Mauer. Dazwischen warten Sehenswürdigkeiten wie eine fast leere Reichsautobahn, ein hochwillkommenes Westpaket, ein "Subbotnik" ("freiwilliger" unbezahlter Arbeitseinsatz zur Stärkung des Sozialismus) und private Urlaubsidyllen (Flirt am volkseigenen FKK-Strand!) auf den neugierigen Betrachter. Was noch? Ein Pionierferienlager, eine paramilitärische Vietnam-Übung, ein Treffen von Awo-Motorradfans...

Die Filme wurden im Herbst 90 per Anzeige gesucht. Über ein Jahr der Sichtung und Auswahl haben Alfred Behrens, Michael Kuball und Jürgen Tomm investiert. Herausgekommen ist etwas ganz Seltenes und Wertvolles: ein inoffizieller Blick auf die Lebenswirklichkeit derer, die in der vorherrschenden Sicht westlicher Medien entweder Täter oder Opfer des Systems waren. Also entweder roh und gemein oder geknechtet und verarmt, in jedem Fall aber irgendwie unbedarft und zurückgeblieben. Hier gibt es die Ossis mal live zu sehen, als Leute, die sich und die Welt nicht mit ihren Ansprüchen überfordern, die auf eine unscheinbare Art zufrieden sind. Und siehe da, es sind Ostler wie du und ich.

Martin Ahrends