Von Rainer Willmann

Das Ungeheuer bewegte sich mit zehn Beinen voran. Es beobachtete seine Umwelt durch ein einziges riesiges Auge, das in Form einer Blase vorn am Kopf saß. Hinter der Augenblase lag der durch Panzerplatten geschützte Rücken, und wie gewaltige Platten sahen auch seine hinteren Beinpaare aus. Zwischen den Vorderbeinen sog ein kreisrundes Mundloch alles ein, was es zum Fressen brauchte. Plötzlich platzte der Panzer des Monsters auf. Ein Riß war im Panzer entstanden, der sich langsam erweiterte, und aus ihm schälte sich allmählich das Tier heraus. Dann pumpte es sich zu noch mehr Größe auf als zuvor.

Eine Szene wie aus einem Science-fiction-Film. Doch das geschilderte Wesen ist keine Erfindung, sondern tummelte sich vor einer halben Milliarde Jahren am Boden unserer Meere, also 400 Millionen Jahre vor der großen Zeit der Dinosaurier. Entdeckt hatten es die Bonner Paläontologen Professor Klaus Jürgen Müller und sein Mitarbeiter Dieter Waloßek. Das Urtier war nicht einmal etwas Besonderes – weder selten noch die einzige Art von dieser Gestalt. Bei einem nahen Verwandten war das Auge zwar etwas kleiner, aber beide konnten es an einem kurzen Schaft in alle Richtungen drehen. Schließen ließ sich das Auge nicht: die Tiere waren ständig auf der Hut. Polyphem, der einäugige Zyklop, der laut griechischer Mythologie Odysseus gefangenhielt, hätte seine Freude an ihnen gehabt.

Wir empfinden Größe als spektakulär, weil sie uns Furcht einflößen kann. Aber das Kleine ist zumindest ebenso faszinierend, zumal dann, wenn es sich um Lebensformen handelt, die wir mit all unserer Phantasie nicht skurriler erfinden könnten. Winzig klein waren diese bizarren Gestalten – nur ganze 1,5 Millimeter lang. Vor wenigen Jahren hätte noch niemand gedacht, daß man derartige Fossilien bis in die letzten Details kennenlernen könnte. Denn von den meisten fossilen Tieren ist nur das Skelett überliefert. Hier aber sind auch die Weichteile, mit Phosphat imprägniert, in allen Feinheiten erhalten – von den Borsten auf den Beinen bis hin zu Fältchen um die Analöffnung.

Bei den Urtieren hatte kurz nach ihrem Tod Phosphat, das auch in Knochen vorkommt und ihnen Stabilität verleiht, den Chitinpanzer und andere stützende Strukturen imprägniert und so in einzigartiger Weise konserviert. Dann wurden die phosphatisierten Mumien zusätzlich in einer kalkhaltigen Gesteinsschicht eingebettet und über die Jahrmillionen hinweg perfekt erhalten. Mit Säuren äußerst schonend wieder aus dem Gestein herausgelöst, kann man die Tierchen jetzt von allen Seiten genauestens betrachten, besser noch als die berühmten Bernstein-Einschlüsse, bei denen das umgebende Harz den Untersuchungen Grenzen setzt.

Vor fast zwanzig Jahren war Professor Müller in Gesteinsproben aus Schweden erstmals auf millimetergroße beschalte Krebschen gestoßen. In den Schalen lagen in wunderbarer Erhaltung die Tiere selbst – eine Sensation, denn sie stammten aus dem ältesten der „klassischen“ geologischen Zeitalter, dem Kambrium. Zunächst galten die Funde als Exoten. Aber nach und nach beschrieben er und Waloßek immer abenteuerlichere Winzlinge, die sie nach modernsten Methoden und unter Einsatz von Rasterelektronenmikroskopen untersuchten. Manche Arten fanden sich zu Tausenden, andere nur in Einzelexemplaren. Bald wurde klar, daß sie nicht etwa einer Lebewelt angehörten, die nur örtliche Bedeutung hatte, sondern daß sie die frühe Stammesgeschichte mehrerer wichtiger Tiergruppen dokumentieren und zeigen, daß manche der bisherigen Vorstellungen nicht zu halten sind.

Eines dieser krebsartigen Tiere beispielsweise heißt Agnostus. Es war nur fünf Millimeter lang, blind und trug auf seinem Vorder- und Hinterkörper fast gleich große, halbkreisförmige Schilde. Dazwischen lag ein kurzes Mittelstück. Bisher kannte man nur seinen Panzer, und man hielt Agnostus und seinen ganzen großen Verwandtschaftskreis für Trilobiten („Dreilapper“, sehr gut bekannte Leitfossilien) und damit für einen jener Gliederfüßer, die die Meere des Erdaltertums in gewaltiger Artenfülle bevölkerten. Müller und Wiloßek nun fanden in ihren Proben die winzigen Jugendstadien. Vielfach waren sie zugeklappt wie ein Buch (mit dem Mittelstück quasi als Buchrücken), und zwischen den „Buchdeckeln“ aus Vorder- und Hinterschild lagen der Kopf mit Mund und den Antennen und die grazilen Beine samt ihrer Borsten. Mit den Antennen dürfte sich Agnostus seine Nahrung herbeigeschafft haben, und bei leicht geöffneter Schale könnte er mit seinen vorgestreckten Kopfbeinen gerudert sein. Viele Merkmale zeigen, daß er wohl kein Trilobit gewesen ist.