Es gibt Bücher, die machen glücklich und traurig zugleich. Glücklich, weil ihr Inhalt einem den Kopf und die Sinne füllt. Traurig, weil man nicht dabei war, nicht teilnehmen, sondern nur noch nachlesen kann, weil alles vergangen und verschwunden ist. So geht es einem mit dem großen Band „Die Cassirers“ von Georg Brühl, in dem anhand von Bildern und Biographien einer Familie eine Berliner Kunst- und Kulturgeschichte vom Anfang des Jahrhunderts bis zur Hitler-Zeit ausgebreitet ist. Die Cassirers, eine deutsch-jüdische Familie, die, aus Schlesien kommend, kurz vor der Jahrhundertwende in Berlin ansässig wurde und rasch zum Kreis der führenden Großindustriellen gehörte, waren in Lebensstil und politischer Haltung völlig identisch mit der Großbourgeoisie ihrer Umgebung. Aber nur eine Generation dauerte es, und schon fielen sie aus dem Rahmen, und zwar reihenweise. Der Kunsthändler Paul Cassirer, der Verleger Bruno Cassirer und der Philosoph Ernst Cassirer, Vettern verschiedenen Grades in einer auf Binnen-Heirat bedachten Familie, haben zwar den Namen bekannt gemacht. Aber es gab auch noch bedeutende Mediziner, Musiker, Wissenschaftler.

Die Majorität der Cassirers allerdings war der Kunst verschrieben und, bei Wahrung des geschäftlichen Überblicks, verfallen. Paul Cassirer, den Mäzen, Kunsthändler und, wie Brühl zu Recht schreibt, „Wegbereiter des Impressionismus zu einer Zeit, als dieser auch in Frankreich noch um Anerkennung rang“, charakterisierte sein Schützling und Freund Barlach: „Der Spieler Cassirer, der Händler, der Sturmbock im Gewühl und Austrag der Meinungen, der erfolgreichste Perlenfischer und schlaueste Einfädler und Anstifter bei der Heimführung von Überschüssen, der Preisgeber und Bewahrer seiner Selbst in großem Format ...“ Paul Cassirer, der den Beruf des Kunsthändlers und Auktionators ins Rampenlicht brachte und durch dessen Kunstsalon viele Bilder gingen, die heute in den Museen von Berlin bis New York hängen, jagte sich am Tag der Scheidung von der Schauspielerin Tilla Durieux eine Kugel durch die Brust und starb 1926.

Neben und mit Paul Cassirer war es vor allem Bruno Cassirer, der sich als Zeitgenosse der Künstler und Anwalt ihrer Sache verstand. Über einen Besuch bei ihm, der seine Energie und Leidenschaft zwischen der Produktion von Kunstbüchern und der Förderung des Trabrennsports teilte, schrieb Karl Scheffler: „Es klingelte beständig das Telefon, er sprach mit Leuten von der Sportpresse, mit seinem Trainer und Fahrer, kaufte Heu und Hafer und nannte die auf Grund eines eigenen Stallhumors gebildeten Namen der Rennpferde mit derselben Sicherheit, mit der er soeben Namen moderner Künstler ausgesprochen hatte. Im Wartezimmer saßen Künstler, Autoren und Pferdemenschen, Papier- und Getreidelieferanten, Buchbinder und Stalleute und wunderten sich übereinander.“ Bruno Cassirer starb 1941 im Exil in Oxford.

Die Cassirers, ein rasanter Traum, vergangen und zerstört. Georg Brühl, selber ein Exzentriker von hohen Graden und Sammler, hat keine vie romancée geschrieben, sondern, ähnlich wie bei seiner Publikation über Herwarth Walden und den Sturm, Dokumente und Fakten zu nüchternen Portraits addiert. Das wichtigste an diesem Band ist der durch ausführliche Bibliographien ergänzte wunderbare Bildteil.

Die Kunst, eine Leidenschaft. Die Cassirers, es war einmal. P. K.

  • Georg Brühl: Die Cassirers

Streiter für den Impressionismus; Edition Leipzig, Leipzig 1991; 500 S., Abb., 189,– DM