Von Katja Marx

Der Mann hat die Ruhe weg. Noch eine Stunde bis zur Preisverleihung, und Thomas Strittmatter schnippt in seiner Münchener Wohnung Tabakkrümel vom Holztisch. Er schlägt den „Viehjud Levi“ auf und schmaucht seine Pfeife. Lange, schmale Finger suchen geduldig eine Textstelle zum Vorlesen. Sie klappen das Buch wieder zu. Erst mal der Laudatio zuhören, dann wird sich die richtige Stelle schon finden. Als es klingelt, hebt er die Augenbrauen. Das werden die Eltern sein. Es kann losgehen.

Thomas Strittmatter, dreißig Jahre alt, lebt in München, aufgewachsen ist er in St. Georgen im Schwarzwald. Als sein Erstlingsstück „Viehjud Levi“ uraufgeführt wurde, war er gerade zwanzig, ein „vielversprechendes Talent“. Nach dem Abitur studierte er an der Kunstakademie in Karlsruhe Malerei; er schrieb Erzählungen und Theaterstücke, zeichnete und malte. Zusammen mit dem Regisseur Nico Hoffmann verfilmte er sein Stück „Polenweiher“; die Filme „Drachenfutter“ und „Winckelmanns Reisen“ (beide mit Jan Schütte) und der Roman „Raabe Baikal“ folgten. Aus dem Talent wurde ein vielversprechender Autor. Diesen Monat erscheint im Diogenes Verlag eine Sammlung von Strittmatters Theaterstücken. Das Terrain von Förderpreisen und Nachwuchsstipendien hat er nahezu abgegrast.

Mit geübtem Blick begutachtet die Mutter den Saal in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Sie schüttelt den Kopf: Das Neue Schloß in Stuttgart habe ihr besser gefallen. Aber immerhin, schlampig sei es hier auch nicht, sagt der Vater. Sie sind extra angereist zur Verleihung des staatlichen Förderpreises für junge Autoren. Für den Sohn ist es die dritte Auszeichnung in diesem Jahr. Für die Eltern auch. Keine Premiere oder Preisverleihung findet ohne sie statt. „Sonst wird der Thomas nervös“, sagt der Vater und zupft seine Krawatte gerade.

In Wirklichkeit wird man bei Thomas Strittmatter nur selten Nervosität feststellen. Einen Tag vor dem Festakt in München etwa sitzt er bei einer Diskussion im Hamburger Literaturhaus. Zu sagen, er nehme daran teil, wäre übertrieben. Er fixiert den weißlichen Schaum auf seinem Orangensaft. Dann nimmt er einen Schluck, schließlich bettet er das unrasierte Gesicht wieder in die schlanke Hand: Zwei Finger an der Wange, der Daumen gibt dem Kinn den nötigen Halt. Ein wenig müde schaut er aus dem maßgeschneiderten Jackett. Doch die Runde kennt kein Pardon, seit Stunden diskutieren dreißig Autoren und Filmemacher darüber, daß ein Drehbuchschreiber in Bildern denken müsse. Jemand unternimmt den dritten Anlauf: „Könnte man jetzt vielleicht versuchen, diesen stillen Menschen auch mal zum Reden zu bringen?“