Von Carl-Christian Kaiser

Berlin, im Dezember

So überragend ist Gregor Gysis Stellung in der PDS, daß er sogar für seine Niederlagen selber sorgt. Der am vergangenen Wochenende in Berlin versammelte Parteitag zeigte sich verblüfft, als der sonst so geschickte Vorsitzende derart plump zugunsten seines Kandidaten für das Amt des Geschäftsführers intervenierte, daß er damit nur die gegenteilige Wirkung erzielen konnte. Die Quittung kam rasch. Zwar gab es zwischen den beiden Bewerbern zunächst ein totes Rennen. Aber bei der Wiederholung der Wahl setzte sich Wolfgang Gehrcke aus dem Westen mit der denkbar knappsten Mehrheit von einer Stimme vor seinem vom Parteichef favorisierten Rivalen aus dem Osten durch.

Die Nagelprobe war symptomatisch. Der Ost-West-Gegensatz ist in der PDS so wenig ausgestanden wie, erst recht, der Kampf um Programm, Strategie und verläßliche Majoritäten. Der Hamburger Wolfgang Gehrcke ist ein Dissident aus der DKP und damit für viele östliche PDS-Mitglieder auch ein Repräsentant jener West-Linken, die den meisten Kommunisten in der ehemaligen DDR als ein ebenso sektenhaftes wie undurchschaubares Konglomerat erscheint. Wenn Gehrcke sich dennoch behaupten konnte, dann vor allem deshalb, weil er zu dem Flügel in der Partei gerechnet wird, der eine grundsätzliche Opposition gegen den Kapitalismus, eine „Widerstandskultur und Gegengesellschaft“, wie es heißt, im Sinn hat.

Der andere Flügel setzt hingegen auf allmählich zustandekommende Reform-Mehrheiten zur Überwindung der kapitalistischen Herrschaft. Zu ihm gehören Gysi und andere Wortführer. Ihre rhetorisch beherrschende Stellung in der Partei kann freilich nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Mehrheit in der PDS schon deshalb zu grundsätzlicher Systemopposition neigt, weil sich viele, nicht ohne Selbstmitleid, als „Anschlußopfer“ der deutschen Vereinigung sehen.

Gysi wiederum versucht bei aller Sympathie für das Reformlager einen Spagat, weil er die von 2,3 Millionen (ehemaliger SED-Anhänger) auf 180 000 Mitglieder geschrumpfte Partei (plus 600 Parteigänger im Westen) zusammenhalten muß. Eine Spaltung kann sich die PDS schon gar nicht leisten, seit die Treuhand, in der Manier eines Klassenkampfes von oben, die finanziellen Grundlagen der Partei mit Methoden in Frage stellt, die selbst die FAZ unfein nennt.

Der Zwang zusammenzuhalten führt die Partei freilich in einen Teufelskreis. Wenn es immer wieder um Schulterschluß geht, dann leidet darunter das Austragen der programmatischen und strategischen Differenzen. Das lähmt die Partei und hindert sie daran, politisches Profil zu gewinnen. West-Linke verlassen sie schon wieder, wie selbstgerecht ihre Enttäuschung oft auch sein mag. Im Osten sorgt bei ausbleibendem Zuzug schon die Überalterung der Mitglieder für einen gehörigen Schwund.