Versöhnung ohne Vertrauen? Wie soll das funktionieren? Die Südkoreaner reagieren zu Recht skeptisch auf die „Vereinbarung über Versöhnung, Nichtangriff, Austausch und Zusammenarbeit“, die ihre Regierung in der vergangenen Woche mit dem nordkoreanischen Diktator Kim II Sung geschlossen hat. Wie soll es freies Reisen in und aus einem Land geben, das die eigenen Bürger seit über vierzig Jahren gefangenhält? Wie Informationsaustausch mit einem totalitären Herrschaftssystem, in dem die Radio- und Fernsehgeräte auf den Empfang des Staatssenders fixiert sind?

Kim II Sung könnte die Versprechen des Vertrages nur um den Preis des eigenen Unterganges einlösen. Öffnete er den Eisernen Vorhang am 38. Breitengrad auch nur einen Spaltbreit, würden die Sperrzäune im Grenzort Panmunjom genauso schnell fallen wie die Mauer in Berlin. Von Honecker lernen heißt für Kim: die Schotten dicht lassen.

Was wie ein Befreiungsschlag wirkt, entspringt in Wahrheit der Verzweiflung eines bankrotten Regimes, das zudem außenpolitisch unter Feuer geraten ist, seit es an der Atombombe bastelt. Kim spielt auf Zeit. Jeder wirkliche Durchbruch auf der geteilten Halbinsel brächte sein Regime dem Zusammenbruch näher. Wo aber fände er dann Exil? M.N.