Aufgeregt rief neulich eine Freundin an: "Ich habe auf einer der zehn besten Schulen der Welt mein Abi gemacht – auf dem Gymnasium Thusneldastraße in Köln-Deutz!" Eine solche Behauptung verlangt Beweise, besonders für jemanden, der sein Abi zum Beispiel an der Kaiserin Augusta Schule in Köln Mitte gemacht hat oder an Theophanu oder Hildegard von Bingen oder sonst einer hohen Kölner Frau. Des Rätsels Auflösung: Das amerikanische Magazin Newsweek hat sich unter dem Druck der Sorge um das eigene Schulsystem und der drängenden Frage "How can we come out on top?" überall in der Welt nach Vorbildern umgesehen. Zehn hat es gefunden und Anfang des Monats vorgestellt, zum Beispiel die Lake Tekapo Schule in Neuseeland, die Diana Schule in Reggio Emilia, Italien, die Greydamus Schule in Zwolle in den Niederlanden und eben das Gymnasium Thusneldastraße.

Was hat Thusnelda, was Augusta nicht hat? Die Lage kann es nicht sein, denn Thusnelda liegt in Köln auf der "schäl Sick", der falschen Rheinseite. Und von dort ist noch nie etwas Bedeutendes gekommen. Ist es der Name, der noch schöner wird, wenn man ihn sich amerikanisch ausgesprochen vorstellt? Liegt es an der Entfernung? Aus amerikanischer Sicht jedenfalls wandelt sich das deutsche Schulsystem wie ein graues Schneekörnchen unter dem Mikroskop zu einem vollendeten Eiskristall.

Beim Lesen der Story wird einem wohlig warm ums Herz, und man schämt sich auch ein wenig. Die Lehrer zum Beispiel, unsere deutschen Lehrer, die Prügelknaben und -mägde der Nation, denen unlängst wieder einmal in einer Studie Faulheit und Inkompetenz attestiert wurde, werden in Newsweek als "World Superstars" gefeiert: hochbezahlt, hochangesehen und hochgebildet – in dieser Reihenfolge. "100 % of teachers in Germany have double academic majors", jubelt das Magazin und meint damit den Umstand, daß ein Lehrer zwei Fächer unterrichten muß, also etwa nicht nur Mathe, sondern Geo und Mathe. "Die Art wie sie [die Deutschen] ihre Lehrer ausbilden, zeigt, daß Lehrer geachtet werden und eine wertvolle Ressource sind", resümiert Linda Darling-Hammond vom Teachers College in Columbia.

Da sage noch mal einer, die Angelsachsen neigten zum Understatement. Folglich wandeln sich unter dem amerikanischen Bildungsmikroskop auch die von solchen Superlehrern unterwiesenen Schüler von leicht überalterten Schlaffis mit schwankenden Rechtschreibekenntnissen und zweifelhafter Studierfähigkeit zu einer dynamisch vorpreschenden Weltleistungselite.

Einen dieser Schülerstars hat Newsweek interviewt. Tom Röhm, der ein Jahr als Austauschschüler in den USA verbrachte, erzählt – "in perfect English" –, er habe dort im letzten Schuljahr in Algebra Dinge gelernt, die er hier schon in der achten Klasse gehabt habe. Kein Wunder – er kommt von Thusnelda!

Aber keiner unterstelle dem Magazin, es neige zur unkritischen perspektivischen Verkürzung. Newsweek hat sehr wohl auch den Mangel des deutschen Schulwesens erkannt und geißelt ihn gnadenlos. Das System sei elitär, was sich wiederum aus seiner Geschichte erkläre: Seine Dreigliedrigkeit habe ihre Wurzeln im Mittelalter, wo sich das deutsche Volk in eine bäuerliche, eine Handels- und eine Adelsklasse gliederte.

Auch die Vorzüge der anderen neun der Top ten in der Schulwelt von Newsweek erschließen sich auf Anhieb wohl nur dem amerikanischen Betrachter. So wird an der holländischen Schule gelobt, daß die Schüler und Schülerinnen so gern Mathematik lernen. Die Yotsuya Number Six School in Tokio besticht durch ihr Konzept "to create a real human being", während die neuseeländische Lake Tekapo Schule dadurch wohlwollendes Staunen hervorruft, daß man dort einen Weg gefunden habe, "to teach the children to read".