Die Bürger der Ukraine glauben trotz der Misere an ihre Chance

Von Christian Schmidt-Häuer

Kiew, im Dezember

Es waren die letzten Stunden vor dem Untergang der Sowjetunion. Noch standen der entscheidende Spruch des russischen Parlaments und das Urteil der fünf asiatischen Republiken aus. Noch hatte sich der ukrainische Präsident Leonid Krawtschuk nicht zum Oberbefehlshaber der Sowjetarmee in der Ukraine ernannt. Wir verbrachten die Nacht im Wagon 13 des Zuges Nr. 3 von Moskau nach Kiew. Das Abteil hatten wir doppelt verriegelt, die Gelder unters Hemd gestopft und uns mit dem Kopf zur Tür gelegt. Die abendliche Reiselektüre der Zeitschrift Ogonjok hatte die Agonie des sowjetischen Alltags plastisch vor Augen geführt. Einer von 300 Bürgern der bisherigen Union, so hieß es da, falle jetzt täglich einer Erpressung, einem Raub, Totschlag, Mord oder zumindest einem Diebstahl zum Opfer.

Am Morgen um 4.15 Uhr sind wir an der Reihe. Ein schwacher Lichtschein, der ins Abteil fällt, läßt uns schlaftrunken hochfahren. Mein sowjetischer Kollege sieht eine Hand, die von der halbgeöffneten Tür in sein Jackett auf dem Bügel gleitet. "Stoj!" schreit er. Doch ehe wir uns richtig gefaßt haben, sind die professionellen Abteilöffner davon und in der Düsternis des nächsten Abteils verschwunden – und mit ihnen Reisepässe, Dauervisa, Adreßbücher, die sie für Brieftaschen gehalten haben. Es war eine fahrplanmäßige Aktion.

Schon bremst der Zug auf der letzten russischen Station vor der Ukraine, in Brjansk, wo es auch nachts belebt genug ist, um schnell unterzutauchen. Die uniformierte Schaffnerin Olga Ostapenko taucht erst nach der Weiterfahrt wieder auf und ist wenig beeindruckt, als seien die Diebe Dauerbesucher und alte Bekannte. "Sie haben wahrscheinlich noch bei offener Tür deutsch gesprochen", schließt sie den hoffnungslosen Fall mit erfahrenem Achselzucken ab. Der Zugaufseher nickt am Morgen melancholisch: Er selbst könne die Abteile auch sehr leicht von außen entsichern.

Im grauen Heerlager des Kiewer Bahnhofs schieben wir uns zwischen den bepackten Familienkarawanen, Kaukasier-Clans, schlafenden Soldaten, fliegenden Glücksspielhändlern mit lärmenden Computerspielen und staunenden Bauersfrauen hindurch zur goldgetönten, hier noch stadteinwärts weisenden Riesenstatue Lenins. Hinter seinem Rücken sieht die Bahnhofsmiliz in trüben Katakomben nach dem Rechten. Der schnauzbärtige Milizionär schaut nach zehn Minuten auf. "Bei Brjansk? Melden Sie das dort bei der russischen Miliz!" Nur ein Protokoll aufnehmen? "Dann fahren Sie nach Brjansk, basta!" Sein Kollege winkt uns verständigungsbereiter zur Seite, bietet uns einen Abstellraum für das Gepäck an und läßt uns von einem Unteroffizier zu Fuß auf eine Kriminalwache in der Stadt begleiten. "Es geht doch aufwärts bei uns, mit den Verbrechen", spottet dieser unterwegs.