Der Titel stimmt: "Vier Jahrzehnte – Ein Werkstattbericht". Korrekt werden wir beliefert mit Namen, Titeln, Daten, Zahlen, Konstruktionsplänen, Entwürfen, Fragmenten, Resten, Verworfenem, Liegengebliebenem oder auch nur Vergessenem – und mit vielen Bildern. Ach ja, denkt man, ein Handbuch für Germanisten, ein Nachschlagewerk fürs Grass-Seminar. Da sei eine Warnung ausgesprochen. Achtung:

Der Titel lügt. Was Günter Grass, der in Düsseldorfer Grabsteinbetrieben als Steinmetz ausgebildete Handwerker, den es vom Schreibtisch immer öfter wieder an die Werkbank, den Zeichentisch drängt als "Werkstattbericht" ausgibt, ist mehr: Grundstein für eine Autobiographie. Erstem Augenschein zuwider ist dieses Bilderbuch, das Notizen, Erinnerungen, Anekdoten zwischen Aquarelle, Graphiken, Umschlag-Entwürfe, Handschriften und Photographien streut, ein Lese-Buch – ja, es ist ein wirklich geschriebenes Buch, aufzunehmen in die Liste der großen Bücher des Autors.

Damit ist nicht nur die Schatzkammer neuer Texte gemeint, die Grass hier, oft selber verdutzt, wiederentdeckt und zum ersten Mal fremden Augen zu lesen gibt – und selber am besten kritisiert. Der Werkstattbericht ist ernst zu nehmen vor allem, weil er ein ziemlich zuverlässiger Rechenschaftsbericht ist.

Da muß einer schon seiner Sache sicher sein, wenn er den Leuten zeigt, was er vor Jahren in der Schublade gelassen hat. Eitelkeit? Natürlich auch. Aber welcher Autor hat schon den Mut, vor Jahren Veröffentlichtes als "leblos, erstarrt" abzutun? Resteverwertung? Dazu strotzt der Band von zu vielen Beispielen schöner Schöpferkraft. Wer wußte schon, daß die Novelle "Katz und Maus" (1961) einmal den Titel "Der Ritterkreuzträger" haben sollte – und Grass, wie auf dieser Seite zu sehen, schon den Umschlagentwurf gezeichnet hatte?

Wie viele neue Gedichte lernen wir in diesem Buch kennen, auch wenn der Autor sie von der Aufnahme in einen eigenen Lyrikband ausgeschlossen hat – wie dieses, das in der Handschrift des Verfassers auf dieser Seite gedruckt ist: "Daß mich das Licht / Nicht nur halbwegs beschieße, / Stand ich so auf, / Bot ein fröhliches Ziel, / Wenn mich des Morgens / Wimmelnde Pfeile / Schmückend versuchten, / Derber lacht es kein Hahn. / Mein Hut ist ein Sieb. / Mein Knie wessen Kugel. / Hoch auf der Säule / Wechsle ich lautlos die Beine." Kritischer Kommentar des Dichters nach den im Titel beschworenen "Vier Jahrzehnten": "Die während der Frankreichreise (1952) entstandenen. Gedichte ... lebten vom Pathos des ins Komische umgedeuteten Existentialismus und geben den späteren Blechtrommler Oskar Matzerath zu erkennen, wenn auch als krasses Gegenstück zum Säulenheiligen umgepolt."

Dieses Bilder-Lese-Buch zeigt – in alten Texten, in aktueller, kritischer Glossierung – die altmodische Treue eines Autors zu sich selber. "Der Butt", Roman des Jahres 1977, schwimmt schon 1955 herbei, als Fettkreidezeichnung, als Bronze-Skulptur. Und geblieben ist, über mehr als vier Jahrzehnte, die Bereitschaft zu Reflexion, zu Selbstkritik, der Trotz, alles, auch Lebensgemeinschaften, in Frage zu stellen. Einer der schönsten, für Grass richtigsten, wohl auch wichtigsten Sätze in diesem, der Tochter Laura gewidmeten Buch: "Und immer sind Kinder dabei." So ist man versucht, die Charakterisierung auf Grass auszudehnen, die Clemens Brentano am 2. November 1810 in einem Brief an Jakob und Wilhelm Grimm über Kleist wagt: "Ein mit langsamem Konsequenztalent herrlich ausgerüsteter Mensch."

Daß der Autor sich manchmal im Jargon der Kinder versucht, ist nicht so glücklich ("Ortswechsel war angesagt." – "Ortswechsel stand an." – "Der Komplex ‚Vatertag‘ hing weiterhin an.") Daß ein zu Treue begabter Mann wie Grass den Mit-Kämpfer aus Apo-Tagen, den ZDF-Kulturredakteur Walther Schmieding, als Walter Schmiedinger durch alle Korrekturen rutschen läßt, tut weh. Und daß ein Buch-Künstler wie der Verleger Gerhard Steidl bei einem in jeder Hinsicht gewichtigen Band die Paginierung, auch noch in einem fast unleserlichen Schriftgrad, nicht außen an der Seite anbringt, sondern innen, hart am Falz, das ist nicht zu verstehen.