Von Otto Köhler

Wir sind wieder wer. Wir haben einen Kanzler, der das weiß. Wir wissen, wer wir wieder sind. Aber bisher fehlte uns einer, der uns unser neues Denken formuliert. Er hat sich gefunden, er hat den neuen Katechismus der Deutschen geschrieben, der in seinem Titel "Deutschland, was nun?" nur zum Schein ein Fragezeichen trägt. Es ist ein Buch der unmißverständlichen Ausrufezeichen.

Es wäre falsch – der Spiegel tat es –, wollte man die Bedeutung eines Mannes wie Arnulf Baring jetzt, da er dieses ungeheuer ehrliche Buch vorgelegt hat, leichtfertig herunterspielen. In den USA, die er seit seinen Studienjahren regelmäßig aufsucht, galt er schon lange als wichtiger westdeutscher Einflußprofessor. Henry Kissinger hatte 1968 den FU-Assistenten für zwei Jahre in sein Center of International Affairs aufgenommen. Der damalige Bundespräsident Walter Scheel lud 1976 den damaligen Sozialdemokraten Baring für eineinhalb Jahre ins Bundespräsidialamt, damit er "Machtwechsel – Die Ära Brandt-Scheel" schreibe. Und auch heute hat Baring name-dropping nach Art seines Gesprächspartners Wolf Jobst Siedler ("Mit Richard von Weizsäcker sprach ich neulich .. .) nicht nötig – er galt als Berater des gegenwärtigen Bundespräsidenten.

Ähnlich den 1963 von Henry Picker herausgegebenen "Tischgesprächen" ist Barings Werk ein großer Monolog, den sein Verleger Wolf Jobst Siedler gelegentlich mit dienlichen Hinweisen unterbrechen darf, in dem auch ein junger Adlatus namens Dirk Rumberg als Stichwortgeber auftritt. Aber niemand soll sich darüber täuschen: Trotz dieser Form des monologisierenden Gesprächs ist das Werk kein Schnellschuß, sondern ein sorgfältig kalkuliertes Buch. Es bietet, wie es am Ende des Bandes heißt, das "Neue Denken der Deutschen".

Daß der Ausgangspunkt für das während des Moskauer Staatsstreichs abgeschlossene Werk ein Vortrag war, den Baring im Frühjahr vor der Berliner Industrie- und Handelskammer hielt, verleiht diesem New Think Authentizität. So wie Baring, so denken tatsächlich führende Eliten in unserem Land, auch wenn sie heute noch eine sicherlich nicht unangebrachte Diskretion üben – was natürlich noch in einem gewissen Gegensatz zum ersten Gebot des New Think steht.

I. Wir sind wieder ehrlich und sagen, was wir wollen

Eine Probe seines ungestümen Denkens, das den eindeutigen Besitzanspruch auf das mit dem Einigungsvertrag errungene Beutegut nicht scheut, bot Baring schon während der Arbeit an diesem Buch. "Warum ich an die Humboldt-Universität will / Berlin ist dabei, eine historische Chance zu verspielen / Von Arnulf Baring" – das war das ungewöhnlichste Stellengesuch, das je in einer seriösen deutschen Zeitung, im redaktionellen Teil der Frankfurter Allgemeinen, veröffentlicht wurde. Baring über seine Befindlichkeit im Herbst 1989: "Nach meiner Uberzeugung mußte die kommunistische Humboldt-Universität schlicht und einfach verschwinden, die Freie Universität an ihre Stelle treten, als Friedrich-Wilhelm-Universität, meinetwegen auch als Humboldt-Universität", wie er mit erstaunlicher Toleranz gegenüber dem wegen seiner "judenfreundl. Anschauungen" (Meyers Lexikon, 1938) schon anderweitig verdächtigen Gelehrten konzedierte. Er wirft dem damals "rot-grünen Senat" vor, Ende 1990 nicht die "Courage" besessen zu haben, "diese Universität insgesamt zu schließen".