Wer in sich geht, braucht nicht außer sich zu sein – selbst dann nicht, wenn seine heile Welt aus den Fugen gerät. So dämpften die katholischen Bischöfe aus Ost- und Westeuropa beim Austausch ihrer Erfahrungen sowohl ihren Pessimismus gegenüber der modernen Welt wie ihren missionarischen Eifer. Ihre Sondersynode im Vatikan produzierte deshalb nach zweieinhalb Wochen ein bis zuletzt umstrittenes, mehr (weih)wäßriges als handfestes Schlußdokument.

„Aus dem zweiten Jahrtausend geht die Christenheit anders als aus dem ersten, gespaltenen hervor“, stellte der Papst fast resignierend fest, als er mit bangen Fragen die Synode verabschiedete: Wie könne diese Kirche den Frieden im neuen Europa fördern und ihre Versöhnungsbotschaft „auf die zwischenmenschlichen und zwischenstaatlichen Beziehungen übertragen“? Nicht einmal im religiösen Bereich gelingt das. „Unmöglich ist es gewesen, eine gemeinsame Evangelisierungsstrategie für Ost und West zu finden“, bekannte der Brüsseler Kardinal Daneeis. Diese Synode sei zu spät gekommen, um zum Freiheitsfest zu werden, zu früh jedoch, um Perspektiven für die Überwindung der Kirchenkrise zu eröffnen.

Schon im voraus hatte sich der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Bischof Lehmann, damit getröstet, daß die Schlußerklärung „keinen Ewigkeitswert“ habe. Am Ende würdigte er sie als „Initialzündung“. Aus dem fünfzehnseitigen Text springen allerdings nicht so leicht Funken über: Man hütet sich, das Christentum mit Europa zu identifizieren. Unsicher und verschwommen bleibt die Aussage zu den nichtchristlichen Werten Europas seit der Aufklärung, auch zum humanistischen Freiheitsbegriff. Die Neu-Evangelisierung soll jedoch nicht als „Restauration vergangener Zeiten“ verstanden werden. Doch „ihrem Wesen nach strebt sie zur Kirchengründung“, heißt es schüchtern.

Beiläufig nur ist die Rede von den „Schwierigkeiten, die es auch in der Kirche selbst, mit ihrer Lehre, besonders im Bereich der Moraldoktrin, gibt“. Das Pillen-Thema wird vermieden, man begnügt sich, Abtreibung und Euthanasie anzuprangern und ein „neues Verhältnis“ zwischen Mann und Frau zu fordern: Gleichberechtigung – aber nur gesellschaftliche. Ihre innerkirchliche Problematik wird – mangels Konsens? – verschwiegen. Politisch bewegt man sich auf Zehenspitzen. So vorsichtig, daß sogar die katholische Sozialdoktrin, die der Papst noch im Mai gegen die Vergötzung des Marktes aufbot, nur am Rande erwähnt wird. Die Kirche soll „recht verstandene Demokratie“ fördern – freilich nur im Staat, ohne an „frühere überholte Formen anzuknüpfen“, auch ohne sich an ein bestimmtes System zu binden. Wie sollte sich heute ihre Lage etwa in Polen, Frankreich, Kroatien oder Deutschland auf einen politischen Nenner bringen lassen? Sie will ja weiterleben – auch in Diktaturen.

Kein Wunder, daß sich bei so viel Vorsicht auch die andersgläubigen „Bruderdelegierten“ nicht ganz ernstgenommen fühlten. „Ein Okumenismus aus Freundschaft und höflichen Gesten genügt nicht“, sagte der evangelische Präses Epting (Karlsruhe). „Wir wollen als Partner anerkannt werden.“ Zwar durften Lutheraner, Anglikaner und Orthodoxe als Redner im Plenum auftreten, doch nicht in den Arbeitszirkeln der Bischöfe. Die „Ketzer“ diskutierten separat. Im Schlußdokument, das ihr „mutiges Glaubenszeugnis“ in der gemeinsamen Erfahrung der Verfolgung würdigte, fanden sie ihre gedanklichen Beiträge nicht wieder. Um so weniger können sie sich auf eine gemeinsame Evangelisierung einlassen, die unter der Leitung dieses Papstes stünde – „cum Petro et sub Petro“, wie er feierlich insistierte. Zugleich beklagte er die „Verarmung“ der Synode, weil ihr die orthodoxen Kirchen Osteuropas demonstrativ ferngeblieben waren. Als ob diese nur großzügiger sein müßten und als ob bloßes Leisertreten der Papstkirche ihr die Selbstkritik ersparen könnte.

Hansjakob Stehle (Rom)