Von Stefanie Holzer

In meiner Kindheit hatte Taufkirchen an der Prüm ein Kino mit angeschlossenem Lokal, das „Almbar“ genannt wurde. Es gab zwei Bäckereien, zwei Wirtshäuser, einen Metzger und einen Schuster. Der Arzt hatte eine Hausapotheke, und der Pfarrhof unterhielt eine „öffentliche Bücherei der Pfarre“. In den Geschäften konnten die Kunden anschreiben lassen, was jedoch bisweilen dazu führte, daß die Schulden laut vorgelesen wurden. „Ein Kilo Mehl bitte, und die Mami möcht’ das aufschreiben lassen!“ – „Ja, wart, sagst ihr, daß da schon ein Kilo Zucker aufgeschrieben ist und noch ein paar Sachen, die sie selber geholt hat, sagst ihr neunundsiebzig Schillinge sind aufgeschrieben!“

In der Bibliothek kostete das Ausleihen eines Buches für drei Wochen zwei Schillinge. Heute gibt es im Ort zwei Geschäfte, zwei Bäcker, einen Metzger, zwei Wirtshäuser. Das Kino zeigt meistens Porno- oder Karate-Filme. In der Bibliothek kostet das Ausleihen der Bücher immer noch zwei Schillinge.

Ich rief im Pfarrhaus an, um zu erfahren, wann die Bibliothek geöffnet sei. Der Herr Pfarrer war selber am Telephon. Die Bibliothek sei wie immer nach der Frühmesse und nach dem Hochamt am Sonntag geöffnet. Und wochentags? Am Freitag. Zwischen fünf und sechs. Aber das sei nicht sicher. „Weil, wann niemand kommt, dann ist zu.“

Hermine Gimplinger, meine erste Volksschullehrerin, sperrt das Pfarrheim auf, als ich am Freitag um fünf dort eintreffe. Seit 1976 führt sie die Bibliothek. Sie müsse die Bücher erst wieder aufräumen, sie sei drei Wochen nicht da gewesen, da käme alles in Unordnung.

Die alten Karteikarten sind alle aufbewahrt und griffbereit. Auf ockergelbem Karton ist auch mein Name zu lesen, leider wurde nicht vermerkt, was für Bücher ich damals gelesen habe.

Als ich die Reihen der Kinderbücher entlanggehe, sehe ich sie alle wieder: „Hanni und Nanni“, „Trotzkopf“ und natürlich alle Bände von Auguste Lechner. Ich erzähle der Bibliothekarin, daß ich mich als Kind immer sehr geärgert habe, wenn ich ein Buch nicht bekam, weil ich dafür noch zu klein war. Sie lacht, heute suchten sich die Kinder und die Erwachsenen selber aus, was sie lesen wollen. Sie deutet hinter sich auf ein sehr kleines, separat angebrachtes Regal: „Nur die dort, die gebe ich aus.“ Die Bücher dort sollen die Kinder nicht einfach so in die Hand kriegen. Nicht daß sie schlecht seien, aber... Manche der Bücher auf dem Extraregal wurden angeschafft, nachdem Benutzer der Bibliothek den Kauf angeregt hatten. Sonst kauft Hermine Gimplinger selber in Ried beim Landesverlag ein. Dort werde sie, wie sie sagte, optimal beraten. Von der Gemeinde erhält sie dafür viertausend Schillinge im Jahr, hinzu kommt die Ausleihgebühr. Neuerdings werden auch Kassetten verliehen, die kosten fünf Schillinge, weil die sooft kaputt sind, wenn die zurückgebracht werden.