Es schneit wieder in den Bergen von Kurdistan. Doch in diesem Winter sind keine Fernsehkameras da, um das Tanzen der Schneeflocken einzufangen. So sehen wir auch die barfüßigen Kinder nicht, die mit ihren ärmlich gekleideten Eltern wieder in die frostigen Höhen ziehen. Und wir sehen nicht die kurdischen Familien, die in den Ruinen ihrer Dörfer leben oder unter Zeltplanen hausen.

Allein in den vergangenen zwei Monaten haben, laut Angaben der Vereinten Nationen, 60 000 Menschen aus der nordirakischen Provinz Arbil und 140 000 aus Sulaymaniyah die Flucht ergriffen. Sie sind zu jener halben Million Kurden dazuzurechnen, die schon vorher im Nordirak Not litten. Diese wird nur notdürftig gelindert von den wenigen verbliebenen UN-Hilfswerken und privaten Organisationen.

Saddam Hussein weiß wohl, wie rasch im Westen das Interesse am Schicksal der Kurden nachläßt. Noch überwachen in der Türkei stationierte Flugzeuge der Briten, Franzosen und Amerikaner den Norden seines Landes. Doch am 28. Dezember läuft der Stationierungsvertrag mit der Türkei aus. Ob er verlängert wird, steht offen. Die allierten Bodentruppen sind ohnehin längst abgezogen.

Immer dreister gehen irakische Armee-Einheiten nun wieder gegen kurdische Bastionen vor. Sie schrecken selbst vor Massakern an Zivilisten nicht zurück. Schließlich hat sich der eben erst ernannte Verteidigungsminister Ali Hassan al-Majid als „Kurdenschlächter“ einen Namen gemacht. Die Kampfkraft der irakischen Streitkräfte ist trotz Saddam Husseins Niederlage im Golfkrieg bedrohlich genug geblieben.

Obschon seit Mitte März offiziell ein Waffenstillstand gilt, gehen die Gefechte weiter. Und jeder irakische Angriff, jede Bombenexplosion treibt neuerlich kurdische Familien in die Berge.

Die Verhandlungen zwischen dem Regime in Bagdad und den Kurdenführern brachten bislang kein Ergebnis. Ganz scheint es, als spiele Saddam Hussein einmal mehr auf Zeit. Und das mit guter Aussicht auf Erfolg.

Kein Wunder, die Kurden leiden Todesängste. Ihre letzte, ihre einzige Rückversicherung ist die Unterstützung des Westens, der wachsame Blick der Weltöffentlichkeit.

Aber schon so oft mußten sie in ihrer Geschichte erfahren, wie ihre Anliegen, ja ihr Überleben ganz plötzlich schlicht kein Thema mehr waren. F.G.