RTLplus, mittwochs: "Gottschalk"

Man sagt ihm nach, dem großen Blonden mit der schnellen Zunge, daß er wisse, wie man einen Markt bedient. Thomas Gottschalk ist längst mehr als ein Showmaster: Er ist ein Markenartikel. Das Unternehmen, das diesen Artikel bewirbt und vermarktet, nennt sich Gottschalk. Es hat, das ist heute so üblich, eine Unternehmensphilosophie. Die ist so einfach wie kühn und heißt: Gottschalk total.

Kürzlich stellte in der ARD ein Magazinbeitrag die Frage, ob Gottschalk überhaupt noch im Fernsehen auftreten dürfe. Denn obwohl er bei der amerikanischen Fast-food-Kette längst nicht mehr unter Vertrag stehe, denke automatisch jeder an Hamburger, der Gottschalk erblicke, weshalb die nötige Trennung zwischen Programm und Werbeblock nicht mehr gewährleistet sei. Manche denken auch an Lakritzen oder Gummibärchen, andere an Wetten daß? und Supernasen. Mit einem Wort: Die Gottschalkisierung der Öffentlichkeit ist derart fortgeschritten, daß deren verschiedene Fraktionen – Show, Werbung, Kino, Fußball – sich heillos ineinander verkeilen und der überwältigte Zuschauer nicht mehr weiß, ob er nun lachen, wetten, raten oder Lakritze lutschen soll. Gottschalk ist das egal. Ihm genügt es, wenn die Leute Gottschalk gucken. Seine Personality-Show in RTLplus heißt Gottschalk, und sie soll, hört man, bald fast so häufig wiederkehren wie die Nachrichten. Unser täglich Gottschalk gib uns heute.

Pate steht bei diesem "Gottschalk-total"-Konzept zweifellos das amerikanische Fernsehen, in dem zum Superstar erst aufgestiegen ist, wer seine tägliche Show hat. Nun sind die Amerikaner neben guten News, grandiosen Comedies und prima Spielserien auch die Pest der Werbung und der Personality-Shows gewohnt, sie nehmen das eine wie das andre hin und quatschen sowieso die ganze Zeit, während die Kiste läuft. Das deutsche Publikum aber wurde durch die öffentlichrechtlichen Sender und deren rundum solides Programm erzogen und hegt entsprechende Erwartungen. Seine Bereitschaft, täglich einem Glitzer-Fuzzi zu applaudieren, der vor es hintritt, um ihm Windeln, Autos, Klopse und sein sagenhaftes Glitzer-Fuzzi-Image zu verkaufen, dürfte sehr viel niedriger liegen als drüben in Amerika. Daß Gottschalk mit einer täglichen Show abstürzen wird, ist zu erahnen, zumal schon sein Wochenauftritt in Gottschalk alte Fans und Freunde seines Talents vor harte Proben stellt.

Die Unternehmensstrategie "Gottschalk total" ist riskant. Märkte reagieren empfindlich auf Überschwemmungen, und nicht nur Geld, auch Artikel können durch Inflation dramatische Entwertungen durchmachen. Es geht schon los mit dem Gottschalk-Überdruß: Da hat er sich Bayern München als Maskottchen angedient und wurde abgelehnt! Fußball ist eine ernste Sache und nichts für Glitzer-Fuzzis. Peinlich! Man muß nicht gleich wie Hape Kerkeling zwei Jahre Pause machen, aber man sollte, gerade als Entertainer, die Frage der Dosierung eigener Präsenz unbedingt stellen.

Wenn Gottschalk so fortfährt, wird’s ihm am Ende gehen wie einem abgestiegenen Kollegen, den er in Gottschalk folgendermaßen tröstete: "Das muß ja wirklich furchtbar sein, wenn man weiß, man hat so viel Erfolg gehabt und auch viel Geld verdient und steht wieder am Anfang." Barbara Sichtermann