Von EckhardRoelcke

Wenn wir Wohlstandsbürger heutzutage im Dezember oder Januar frieren oder wegen des tristen Wetters depressiv werden, dann steigen wir ins Flugzeug und fliehen vor der kalten, mitteleuropäischen Realität in den Süden, zur Sonne, zur Wärme. Oder, die billigere Variante für diejenigen von uns, die entweder nicht genügend Geld oder keine Zeit haben: Wir trinken eine Flasche Sangria oder ein Glas Raki, essen Couscous oder Falafel und blättern dabei sehnsüchtig in Katalogen. Oder wir schauen Filme an, die uns von fernen Ländern berichten – tausendundeine geheimnisvolle Geschichten.

Ja, wir lieben das Exotische (oder das, was wir dafür halten) – das Farbige und Duftende, das Wilde und Maßlose. Wir sind fasziniert von fremden Menschen und fremden Ländern, wir loben das Natürliche, das wir dort zu treffen glauben, und das Einfache, weil wir vor dem Lärm der Technik fliehen, vor der kalten Industrie. Und weil wir immer auf der Suche sind nach dem verlorengegangenen Paradies.

Dieser tiefe Wunsch, der Zivilisation zu entkommen, ist uralt und wird – je nach Wohlstand – in den verschiedenen Jahrhunderten unterschiedlich befriedigt. Voraussetzung für den Exotismus waren die Kolonialisierungen und die Entdeckungsreisen. Gierig wurde alles verarbeitet, was aus der Ferne mitgebracht wurde: als Gewürz oder als Duft, als Sujet fürs Theater oder die Architektur, als Kolorit für die Malerei oder die Musik. Besonders die Menschen des 19. Jahrhunderts saugten neugierig auf, was ihnen angeboten wurde, etwa bei den Weltausstellungen in London 1862 oder in Paris 1867. Eine Mode folgte der nächsten, nach dem Ägyptenfeldzug Napoleons die Ägyptenmode, nach der Besetzung Algeriens die Nordafrikamode. Schon 1610 hatte es in Paris den ersten Chinaladen gegeben.

Natürlich haben immer auch Komponisten mitgespielt. Bekannte Beispiele aus dem 18. Jahrhundert: die „alla turca“-Passagen in der instrumentalen Musik oder die Janitscharen-Chöre. Wichtigstes exotisches Instrument neben dem umfangreichen Schlagwerk (mit Rasseln, Tambourin, Schellen und vielen anderen lautmalerischen Klangerzeugern) wird im 19. Jahrhundert die Oboe. Denn mit ihrem doppelten Rohrblatt kann sie am besten die näselnden, aber auch gepreßten und angestrengt klingenden Töne der Blasinstrumente rund ums Mittelmeer nachahmen.

Die Schallplattenfirma Capriccio hat nun in Zusammenarbeit mit dem Rias eine kleine Übersicht über die exotische Kunstmusik herausgebracht – drei Platten mit dem Titel „Les Brises d’Orient“ und mit einer guten Mischung bekannter und unbekannter Werke: die Scheherazaden von Rimskij-Korsakoff und Ravel, schmeichlerisch, süß und lüstern; Szymanowskys verliebter Muezzin, der sich nur schwer auf den Gebetsruf konzentrieren kann; Salomes Tanz der Sieben Schleier von Richard Strauss, mal lasziv, mal forderndaufpeitschend. Besonders die selten gespielten, groß angelegten Werke von Félicien David („Le Désert“) und Louis Reyer („Le Selam“) für Chor, Solisten und Orchester breiten teilweise schauernd, teilweise genüßlich das ganze exotisch-musikalische Material in bunter Breite und mit bekennerhaftem Pathos aus.

  • Les Brises d’Orient