Früher haben einem, auf Reisen in arme Länder, dieArmen leid getan. Jetzt fragt man sich bei ihrem Anblick: Wann werden sie zu uns kommen?

Christian Meier, Professor für Geschichte, München: „Gedankensplitter“, im Dezemberheft der deutschen Zeitschrift für europäisches Denken – Merkur

Ein Sieg für Kleist

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat beschlossen, die Brandenburger Kleist-Ausgabe (BKA) vom 1. Januar 1992 an zu fördern. Der Hauptausschuß der DFG folgt mit dieser Entscheidung der einhelligen Empfehlung ihrer Germanistischen Kommission. Dieses Ja zur BKA, von der – seit 1988 bereits vier Bände („Kohlhaas“, „Marquise von O.“, „Verlobung in San Domingo“,„Amphitryon“), ungewöhnlich genug, ohne jede öffentliche Förderung erschienen sind und von der Stiftung Buchkunst prämiert wurden, heißt Nein zu der seit langem angekündigten, bis 1977 kräftig geförderten Konkurrenz-Ausgabe der Ordinarien Klaus Kanzog (München), Hans Joachim Kreutzer (Regensburg), auf deren ersten Band Öffentlichkeit – und DFG – noch immer warten. Der Kleinkrieg säumiger Professoren gegen die fleißigen, inzwischen promovierten Jung-Akademiker Roland Reuß und Peter Staengle ist damit zu Ende. Hat er doch auch dazu geführt, daß die BKA, bei ihrer Gründung als Berliner Kleist-Ausgabe zu entziffern, von der Stadt nicht gefördert wurde, in der Kleist gelebt hat, gestorben ist, begraben liegt. Als Kleist-Stadt hat Berlin endgültig jeden Ruf verloren. Nun helfen das Land Brandenburg, das Bundesinnenministerium (Reisekosten), die Stadt Frankfurt (Computer-Ausstattung) – und wir erwarten 1992 den nächsten Band der BKA, „Penthesilea“, mit Faksimile der Handschrift.

Sturm und Drang und Lenz

Hat es sie wirklich noch nicht gegeben, die Zeitschrift nur für Dichter und Künstler des Sturm und Drangs? Nun ist es da, das „Lenz-Jahrbuch – Sturm-und-Drang-Studien“. Aus der Not geboren, wie so manches Projekt der Forschung. So klagen die Herausgeber Matthias Luserke, Christoph Weiß, Gerhard Sauder: „Jakob Michael Reinhold Lenz zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern der deutschen Literatur in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Gleichwohl wurde seinem Werk über nahezu zwei Jahrhunderte hinweg von einer am Ideal der Weimarer Klassik orientierten Literaturwissenschaft die notwendige Aufmerksamkeit versagt.“ So fehlt bis heute eine alle Werke, Briefe, Lebenszeugnisse umfassende verläßliche Gesamtausgabe. Der Name „Lenz-Jahrbuch“ steht „für die Absicht, die ebenso einseitig wie irreführend ‚Geniezeit‘ genannte Phase der deutschen Literatur in ihrem Kontext zu untersuchen“. Die neun Aufsätze des ersten Jahrbuchs (244 Seiten, 36 Mark) handeln von Werken und Plänen des Dichters Lenz, von Gedichten Goethes (Ulrich Gaier über die „Prometheus“-Ode), von Schubart und Merck (Werner J. Röhrig Verlag, Postfach 1806, 6670 St. Ingbert).

Lila Jakarandabäume

Seit einigen Monaten erfreut uns in der Süddeutschen Zeitung die Seite „Münchner Kultur“. Die ganze Kultur einer Stadt auf einer Seite! Wird das Pasinger Squash-Center umgebaut? Warum belegen immer mehr Münchnerinnen Bauchtanzkurse? Und wie geht es beim Münchner Elvis-Fanclub zu? Mei, die Kultur! Sie schwitzt beim Squashen, sammelt Elvis-Platten, wackelt mit dem Bauch. Schluß mit dem vergeistigten Geschwätz! Kultur ist bunt und geht uns alle an. Jetzt hat auch das (eher altväterliche) Feuilleton der SZ den Zug der Zeit erkannt. Im Interview mit Nadine Gordimer war nicht so wichtig, was sie über Apartheid oder Schuldgefühle der Intellektuellen von sich gab, sondern das Bunte, das, was uns alle interessiert: wie die Frau lebt – in einem „wunderschönen Villenviertel, wo die lila Jakarandabäume zwischen weißen Häusern blühen“. Und „im Flur ihres schlicht, aber geschmackvoll eingerichteten Hauses sind afrikanische Kunstgegenstände zu sehen“, außerdem Skulpturen von Käthe Kollwitz und Barlach. Der Mann der Nobelpreisträgerin „ist ebenfalls anwesend, wie auch ein alter deutscher Hund“. Kunst, Mann, Hund – alles Kultur. An-Wesenheiten. „Mit Nadine Gordimer, einer kleinen, sehr zäh und gleichzeitig sehr zerbrechlich wirkenden Frau mit feinen, wunderbar gealterten Zügen und rauher prononcierter Stimme sprach Manuel Brug.“ Ja, das Leben, als Kitschroman betrachtet, ist schon schön. Zerbrechlich, rauh und wunderbar...