Von Ulla Lachauer

Berlin, Warschau, Brest. Am Rande Weißrußlands entlang über Kaunas nach Tauroggen. Von dort aus wieder westwärts in einem litauischen Taxi über die Memelbrücke, von nun an heimlich und ohne Visum, durch eine Stadt, die einmal Tilsit hieß. Die deutsche Landkarte aus dem Jahre 1937 geleitet uns sicher nach Insterburg, über die ehemalige Reichsstraße 1 nach Gumbinnen, später rechts ab über die Trasse der preußischen Ostbahn und den Pissakanal.

Nach etwa drei Kilometern lösen sich aus dem Herbstnebel rote Ziegelbauten. Die Insthäuser des Vorwerks Bajohrgallen? Ein wenig weiter linker Hand das "Hotel Elch". Wo anders sollte die Verwaltung des Sowchos sitzen, von dem wir nichts weiter wissen als seinen Namen: Jasnaja Poljana. "Willkommen in Trakehnen!" sagt der Sowchosvorsitzende schüchtern. "Ich wußte, irgendwann würde jemand kommen."

Eine sonderbare Ruhe. Der unfreiwillige und dennoch erfreute Gastgeber, Nikolaj Dimitrijewitsch Grischetschkin, ist ein Kosak vom Don. Die unangemeldeten Besucher: zwei Journalisten aus Polen und zwei aus Deutschland, ein litauischer Schwarzhändler, eine Dolmetscherin aus dem Kaukasus. "We are now on the other side of the moon." Marek trifft unser aller Gefühl. Ausgerechnet er, der nur 150 Kilometer von hier, in Olsztyn, zu Hause ist.

Das Jahr der Expedition: 1990, im Monat November.

Im Mai, ein halbes Jahr später, haben die Zeitläufte Jasnaja Poljana nähergerückt. Wir dürfen den direkten Weg nehmen über den polnisch-russischen Grenzübergang Braniewo-Mamonovo, und wir haben ein Visum und eine Filmerlaubnis für große Teile des Kaliningradskaja Oblast in der Tasche. Auf den Formularen der Obrigkeit steht: "Suche nach der ostpreußischen Geschichte genehmigt."

Wir spazieren frei herum. "Vom ‚Hotel Elch‘ wenden wir uns rechts über die Schleuse, sehen von dort rechts in den Park hinein und treten durch einen uralten Torbogen, der die Jahreszahl 1732 und das Trakehner Brandzeichen (die Elchschaufel) trägt, in den neuen Hof ein. Rechts liegt das Schloß, die Wohnung des Landstallmeisters, mit dem Park. Davor ein freier Rasenplatz mit einer uralten Eiche in der Mitte." Alles ist so, wie es der Guide von 1939 beschreibt. Verfremdet nur durch ein ohrenbetäubendes Geschrei Tausender Krähen.