Von Rudolf Engen

Wirtschaften ist nicht mehr, was es einmal war. In der Wirtschaftstheorie, in der Wirtschaftspolitik und im betriebswirtschaftlichen Alltag haben sich merkwürdige Konstellationen entwickelt.

In der Wirtschaftstheorie lehrte uns John Maynard Keynes, wie man Arbeitslosigkeit durch Staatsverschuldung bekämpft. Dann lehrte uns Milton Friedman, wie man Staatsverschuldung bändigt, indem man Arbeitslosigkeit zuläßt. Als Ergebnis haben wir heute weltweit hohe Staatsverschuldung und hohe Arbeitslosigkeit. Das Gleichgewichtsaxiom der volkswirtschaftlichen Klassiker wurde damit auf hohem Niveau verwirklicht.

In der Wirtschaftspolitik sind wir von der Globalsteuerung des Staates zur Feinsteuerung fortgeschritten, in den USA etwa zur Johnson-Zeit der „Great Society“, in Deutschland etwas später, zur Schiller-Zeit. Dann kamen Reagan, Thatcher und die Deregulierung. Das Ergebnis ist eine deregulierende Feinsteuerung von globalchaotischem Ausmaß.

Im betriebswirtschaftlichen Alltag sind wir nach dem management by system, dem management by objectives, dem management by results und dem management by accident für die postmoderne Wirtschaft beim management by potatoes angelangt; das heißt Management nach dem Motto „Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln“. Dieses Hin und Her gilt als Beweis für hochflexible Unternehmensführung.

Damit erkennen wir auch die gesetzgebende Stärke einer Frucht, deren Bedeutung für Wirtschaft und Gesellschaft bisher unterschätzt wurde: die Kartoffel.

Nur ein Zweig der Wirtschaftswissenschaften hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in Theorie und Praxis gut entwickelt: die Wirtschaftssatire. Im Gegensatz zur herkömmlichen Wirtschaftstheorie hat es die Wirtschaftssatire mit handfesten Tatsachen und Trends zu tun. Und sie ist auch für Laien verständlich.

Satire hat eine jahrtausendealte Tradition. „Der Satiriker“, so sagte Kurt Tucholsky, „ist ein gekränkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.“ Satire bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird. Und sie bläst Weihrauch weg, damit man die Wirklichkeit erkennt. Was darf Satire? Tucholsky: „Alles!“ Schon das zeigt den universellen Anspruch von Satire – als Weltgesetz.

Die moderne Wirtschaftssatire beginnt mit Professor Cyril Northcote Parkinson und „Parkinson’s Law“. Es lautet: Arbeit dehnt sich entsprechend der dafür verfügbaren Zeit.

Darauf fußend, hat Parkinson seine Zeit genutzt, um eine Fülle von Gesetzmäßigkeiten des Wirtschaftslebens herauszuarbeiten, speziell die Gesetzmäßigkeit des unaufhaltbaren Wucherns der Bürokratie. Kritisch ist jedoch anzumerken, daß Parkinson einen funktionalen Zusammenhang zwischen dem Arbeitsanfall einer bürokratischen Institution und ihrer personellen Aufblähung annahm, während inzwischen nachgewiesen ist, daß – mit dem Fortschritt von der Bedarfsdeckungswirtschaft über die Bedarfsweckungswirtschaft zur Arbeitsbeschaffungswirtschaft und dann zur aktuellen ’Arbeitsplatzbeschaffungswirtschaft – ein solcher funktionaler Zusammenhang nicht besteht. Die personelle Wucherung bürokratischer Institutionen vollzieht sich unabhängig vom Arbeitsanfall.

Als zweiter renommierter Theoretiker im Bereich der Wirtschaftssatire ist Professor Laurence Peter zu nennen und „Peter’s Principle“. Es lautet: In einer Hierarchie neigt jeder Beschäftigte dazu, bis zu seiner Stufe der Unfähigkeit aufzusteigen.

Wer sich im Kreis seiner Bekannten und Geschäftsfreunde umsieht, wird viele lebende Beweise für die Richtigkeit dieses Prinzips erblicken. Typisch ist der exzellente Kfz-Mechaniker, der völlig versagt, wenn er zum Werkstattleiter ernannt wird und es nicht mehr mit Motoren, sondern mit Menschen und ihrer Motivation zu tun hat. Der weltpolitische Ansatz von „Peter’s Principle“ liegt in der Frage, ob dieses Prinzip auch für Nationen und ihren Aufstieg auf die Stufe der Handlungsunfähigkeit gilt.

Neben „Parkinson’s Law“ und „Peter’s Principle“ gehört „Murphy’s Law“ zu den Grundgesetzen der Wirtschaftssatire. Es lautet:

Nichts ist so einfach, wie es aussieht. Alles dauert länger, als man denkt. Alles kostet mehr als veranschlagt. Und wenn etwas schiefgehen kann, dann geht es auch schief.

Mit einer Fülle von Folgegesetzen gilt „Murphy’s Law“ weit über den Bereich der Wirtschaft hinaus. Dafür nur einige Beispiele aus der von Arthur Bloch veröffentlichten Gesetzessammlung:

Every Solution breeds new problems.

Men and nations will act rationally when all other possibilities have been exhausted.

Nothing is impossible for the man who doesn’t have to do it himself.

The first ninety percent of the task take ninety percent of the time, and the last ten percent take the other ninety percent.

Zeigt das alles nur, daß Murphy ein Pessimist ist? Keineswegs, denn gegen diesen Verdacht spricht eines von Murphy’s Folgegesetzen. Es lautet:

Die Optimisten glauben, wir leben in der besten aller Welten – die Pessimisten fürchten, dies sei wahr.

Oder kürzer

Smile – tomorrow will be worse.

Die aktuelle Bedeutung von Murphy’s Law zeigt sich beispielsweise in Deutschland auf politischem Gebiet: Die tatsächliche Herstellung der deutschen Einheit ist nicht so einfach wie es aussah, sie dauert länger als wir dachten, sie kommt teurer als veranschlagt – und vieles, was in diesem Zusammenhang schiefgehen kann, geht tatsächlich schief.

Diese kurze Übersicht über die Arbeiten von Parkinson, Peter und Murphy zeigt

– erstens, daß angelsächsische Autoren auf dem Gebiet der Wirtschaftssatire ein Monopol haben;

– und zweitens, wie anschaulich die Gesetzmäßigkeiten von Wirtschaft und Gesellschaft sein können, wenn sie satirisch durchleuchtet werden, wie wichtig demnach Nonsens als Humusboden wirtschaftlicher Entwicklung ist.

Ihn muß man pflegen! Denn nur wo Unsinn blüht, reift Kreativität.

In diesem Sinne und um den angelsächsischen Experten nicht das Feld zu überlassen, habe ich vor zwanzig Jahren das „Kartoffel-Theorem“ eingeführt. Es hat sich inzwischen als theoretisch und praktisch bahnbrechend erwiesen.

Das Kartoffel-Theorem lautet:

„Nun sind die Kartoffeln da, nun werden sie auch gegessen.“

Was bedeutet das Kartoffel-Theorem und mit welcher Berechtigung läßt es sich als Weltgesetz bezeichnen?

Schon die Grundformel, „Nun sind die Kartoffeln eingeführt, nun werden sie auch gegessen“, ist nicht so harmlos wie sie auf den ersten Blick erscheint. Denn diese Formel bedeutet: Was produziert wird, wird auch verbraucht! Mikroökonomisch ist das die Realisation von zwei Grundprinzipien der postmodernen Gesellschaft: Ich kaufe, also bin ich; und: Ich konsumiere, also bin ich. Denn über das cogito ergo sum sind wir ja längst hinaus. Makroökonomisch gesehen bedeutet das Kartoffel-Theorem: Das Angebot bestimmt die Nachfrage – nicht umgekehrt.

Supply determines demand.

Damit kommt das Say’sche Theorem wieder zu seinem Recht, das den Gleichgewichtsmodellen der volkswirtschaftlichen Klassik zugrunde liegt: Jede Produktion schafft sich selbst ihren Absatz.

Bekanntlich hat Keynes die Gleichgewichtsmodelle der Klassiker nicht verworfen, sondern nur darauf hingewiesen, daß es oft sehr lange dauert, bis sich auf natürliche Weise ein wirtschaftliches Gleichgewicht einstellt, und in the long run – so Keynes – we are all dead. Mit anderen Worten: Keynes hatte einen Teil von „Murphy’s Law“ entdeckt: Alles dauert länger, als man denkt.

Nach dem Nachweis der engen Verflechtung von Kartoffel-Theorem, Klassik und Keynes nun zur Heimtücke des Theorems. Diese wird sofort deutlich in Formulierungen wie:

Nun sind die Atomraketen da, nun werden sie auch abgeschossen,

oder

Nun ist der Planet Erde da, nun wird er auch zu Sozialprodukt verarbeitet.

Spätestens jetzt ist klar, daß das Kartoffel-Theorem eine Beschreibung des schrecklichen Jochs ist, das wir Menschen uns auferlegt haben, nämlich der scheinbaren Sachzwänge; und daß wir dringend aus diesen Sachzwängen ausbrechen müssen. Die Sollvorschrift für diesen Ausbruch lautet:

Nun sind die Kartoffeln da, nun werden sie nicht einfach gegessen.

Entsprechend werden die Kartoffeln mit dem Fortschritt der Wirtschaft zu Chips und Fritten, Püree und Fertigklößen verarbeitet. Der Übergang zu diesen Produkten beispielsweise in den neuen Bundesländern kann als Gradmesser des Fortschritts in eine neue Bequemlichkeit gelten. So zeigt sich die innovative Stärke der Kartoffel.

Die globale Durchschlagskraft des Kartoffel-Theorems als rettendes Weltgesetz erhellt aus der Tatsache, daß die Machthaber in Washington und in Moskau das Kartoffel-Theorem – in den USA heißt es potato plot – zur Kenntnis genommen und operativ umgesetzt haben. Sollten sich die Supermächte dem scheinbaren Sachzwang beugen und mit Atomraketen aufeinander schießen, weil die Atomraketen da sind? Nein, no und njet! In Washington und Moskau hat man sich glücklicherweise diesem scheinbaren und tatsächlich fatalen Sachzwang entzogen! Statt dessen folgen die Techniker beider Supermächte dem Vorbild der Chips- und Frittenfabrikanten. Wie diese die Kartoffeln, so zerlegen die Abrüstungstechniker die Atomraketen kraft neuer Einsicht in Stücke!

So bahnt manchmal ein satirischer Einfall wie das „Kartoffel-Theorem“ der Vernunft den Weg und wird von der Realität überholt!

Soll angesichts solcher Vorarbeit noch gelten: Nun ist der Planet Erde da, nun wird er auch zu Sozialprodukt verarbeitet?

Das darf nicht sein. Hier muß sich das Kartoffel-Theorem als Sollvorschrift gegen teuflische Sachzwänge bewähren; denn hier geht es sozusagen um die Kartoffel an sich.

Jedes Kind erlebt die Erde als Fläche. In der Schule lernt man, die Erde sei eine Kugel, in höheren Klassen wird auf die Abplattung der Erde an den Polen hingewiesen. Aber erst in den vergangenen Jahren haben Satelliten aus dem Weltraum die volle Wahrheit ans Licht gebracht. Auf den Satellitenphotos entdeckten die Wissenschaftler, daß die Erde rundum Buckel und Dellen hat, Runzeln, Risse und Schrunden, die kein Globus zeigt. Völlig unregelmäßig; keiner mathematischen Figur entsprechend. Ein Unikat. Aber den Wissenschaftlern kam die Form irgendwie bekannt vor. Sie legten die Stirnen in Falten, und dann rief einer: „Heureka! Ich habe es. Die Erde ist kartoffelförmig!“

Die Erde ein Erdapfel. Das unterstreicht wie nichts anderes den Anspruch des Kartoffel-Theorems als Weltgesetz. Und 1992, fünfhundert Jahre nach der Entdeckung der Kartoffel – wie auch Amerikas, aber das ist hier weniger von Bedeutung –, wäre ein gutes Jahr, um dem Kartoffel-Theorem als Sollvorschrift zum Durchbruch zu verhelfen und die Verarbeitung der Erde zu Sozialprodukt einzustellen.