Von Klaus Hartung

Wird es das Jahr der Abrechnung werden? Mit dem neuen Jahr beginnt ein einzigartiger, unheimlicher, in seiner Massendimension gänzlich unvorhersehbarer Prozeß. Das "Stasi-Unterlagen-Gesetz" stellt mehr als hundert Kilometer Akten, die Anklageschrift gegen die realsozialistische Diktatur, von ihr selbst verfaßt, einem anonymen, kollektiven Ankläger zur Verfügung. Vor zwei Jahren ist die Diktatur implodiert, ohne daß die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen wurden, ohne daß es nennenswerte Akte der Volkswut gab. Jetzt wird Rechenschaft von der Gesellschaft selbst verlangt werden. Eheleute, Verwandte, Nachbarn, Chefs und Untergebene werden wissen wollen und werden wissen können, was Eheleute, Verwandte, Nachbarn, Chefs und Untergebene getan haben. Das Innere einer Gesellschaft wird nach außen gekehrt.

Die letzten "Fälle" des Jahres 1991 – Sascha Anderson, Heinrich Fink und Knud Wollenberg – ließen die Öffentlichkeit zwischen Widerwillen und Entlarvungssucht schwanken. Besonnene Stimmen im Westen verweisen dagegen auf die dramatische Szenerie in Europa und versuchen zu relativieren. In der Tat: In einer Zeit, in der neue Staaten gegründet werden, neue Atommächte entstehen, Massen, vom Hunger getrieben, aufbrechen und immer noch Krieg in Europa herrscht, beginnt man in Deutschland in den gesellschaftlichen Eingeweiden eines untergegangenen Staates zu wühlen.

Doch diese Kritik verfehlt trotz ihres richtigen Ansatzes Substanz und Dimension des Vorgangs. Was jetzt begonnen hat, ist das "Outing der DDR": Die real existierende DDR-Gesellschaft wird hervorgetrieben. Zwei Jahre, nachdem die D-Mark für den Osten und der Beitritt der DDR für den Westen die historische Gleichzeitigkeit und den Beginn gleicher Lebensverhältnisse (anders konnte man sich die Vereinigung nicht vorstellen) versprochen haben, kehrt das Verdrängte des Einigungsprozesses wieder. Ostdeutschland wird in die DDR zurückgeholt. Eine "nachholende Revolution" (Habermas) auf Aktenbasis, von der rachsüchtigen Muse der Geschichte einem aktensüchtigen Volk verordnet, zwingt Täter und Opfer, mit ihrer Geschichte zu rechten. Alle jene, die im Namen eines kurzen Prozesses der Versöhnung ein Tribunal forderten, sollten sehen, daß das Tribunal begonnen hat. Das Tribunal der kleinen Leute. Denn das ist die andere Seite: die Opfer des DDR-Staates haben mit dem "Stasi-Unterlagen-Gesetz" ein höchst gefährliches Instrument der Aufklärung in die Hand bekommen. Es gilt nur das Gesetz in ihnen, das niemand kennt. Von ihnen hängt es ab, ob auf uns Jahre der Erpressung, der Rachsucht, der Feindschaft zu kommen. Eine Frage stellt sich allerdings allen: Warum schweigen die Stasi-Zuträger; genauer: Warum schweigen sie bis zur letzten Minute?

Knud Wollenberger schwor bei dem Namen seiner Kinder, daß er nicht der Stasi-IM "Donald" sei, als schon die Zeitung die andere mit Veröffentlichung drohte. Dieses Schweigen ist vor allem das öffentliche Thema. Denn im Zweifelsfall hat in unserer Gesellschaft derjenige doch etwas größere Chancen, der sich offenbart, bevor er mit Sicherheit entlarvt wird.

Drei Erklärungen möchte ich für dieses Schweigen bis zum bitteren Ende nennen. Erstens: Es gab eine nationale kommunistische Identität der DDR, die gewissermaßen eine staatliche Zuflucht bei einer immer bedrohten souveränen Territorialität anbot, die eine Art historischer Ausnahmezustand war. Jetzt erst, nach dem Zusammenbruch, ist die eigentliche Heimat, die Illegalität gefunden. Erst jetzt ist der Zustand eingetreten, auf den man längst vorbereitet war, nämlich im Kapitalismus zu überleben. Es wird nicht geschwiegen aus Angst vor Entdeckung, sondern aus Haltung. Zweitens: Die Frage der Zusammenarbeit mit der Stasi war gar keine Frage des Charakters. Das eigentliche Leben war privat. Um es zu schützen, mußte man allen gesellschaftlichen Instanzen, also auch der Stasi entgegenkommen. Es gab eben die sozialistische Sozialisation. Und es war kein Widerspruch: Freundschaften pflegen und mit der Stasi arbeiten. Also wird geschwiegen, weil es da nichts zu sagen gibt. Ohnehin hatte niemand daran geglaubt.

Drittens: Mit der Stasi zusammenzuarbeiten war "normal", weil politische Tätigkeit zur Normalität gehörte. Die Stasi bot so viele politische Möglichkeiten und Rechtfertigungen wie alle anderen gesellschaftlichen Instanzen. Es gab keine Opfer, weil auch die Bespitzelten dasselbe entfremdete Spiel der Politik mitspielten. Jedenfalls konnte man sich das einreden.