Auch der Westen der Republik trauert seinen verlorenen Gewißheiten nach

Von Gunter Hofmann

Bonn, im Januar

Als "demokratische Melancholie" charakterisiert der französische Schriftsteller Pascal Bruckner unsere Gemütsverfassung im Westen. In das Gefühl des Triumphes, so Bruckner, mische sich der Verdacht, "etwas verloren zu haben: den Antrieb, uns und anderen die Demokratie zu wünschen, denn künftig wird sie nur von wenigen angefochten".

Ironisch spricht Wolf Lepenies, Soziologe in Berlin, von der "Folgenlosigkeit einer unerhörten Begebenheit" – womit er die verblüffende Diskrepanz zwischen den großen Dramen von heute und dem westlichen Weiter-so-Denken samt der fragwürdigen Abwicklung im Osten zu beschreiben versucht.

Beides, die demokratische Melancholie und die verblüffende Folgenlosigkeit, sind vermutlich nur zwei Seiten einer Medaille. Solche Erklärungen könnten weiterhelfen, wenn man der Frage nachgeht, was die Zeitverhältnisse Anfang des Jahres 1992 prägt und warum die Politik ihnen so wenig gerecht zu werden vermag. Denn so lautet die Standardklage dieser Tage: Die Politik und die wirklichen Probleme klaffen weit auseinander. Die Parteilinien entsprechen nicht den Problemlinien. Und der Politik gelingt es nicht, die große Zäsur in Deutschland und Europa als Neuanfang sichtbar zu machen.

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