Nach dem Diäten-Debakel wird die Hamburger SPD von Verbitterung und Haß umgetrieben

Von Matthias Naß

Hamburg, im Januar

Melancholie zum Jahreswechsel: "Natürlich kommt man gelegentlich zu der Frage, warum machst du das eigentlich?" Günter Eiste hat sich sein viertes oder fünftes Zigarillo angezündet, auf dem Schreibtisch brennt langsam die letzte rote Kerze herunter. "Und dann sagt man sich am Schluß immer: Wie soll’s denn eigentlich werden, wenn man jetzt auch noch aufgibt, wo man schon immer beklagt, daß so wenige bereit sind, Arbeitslast mit auf ihre Schultern zu nehmen?"

Der SPD-Fraktionsvorsitzende in der Hamburger Bürgerschaft sinniert über den Frust des Politikerlebens – "mich erfaßt das immer so zwischen Weihnachten und Neujahr". Irgendwo hat er gelesen, daß die Politiker im öffentlichen Ansehen inzwischen hinter den Gebrauchtwagenhändlern und Häusermaklern rangieren. Schön findet er das nicht.

Günter Elste zieht eine Art Jahresschlußbilanz, nicht bitter, eher bedächtig, aber doch ziemlich grundsätzlich. "Das Bewußtsein in unserer Gesellschaft ist, immer erst den Anspruch an den Staat zu richten, der Staat muß es immer regeln. Die Bereitschaft, seinerseits etwas für den Staat zu leisten, die wird immer geringer. Alle fordern nur, jeder fordert."

Dreht da einer, ohne daß es ihm in diesem Moment vielleicht so recht bewußt ist, den Spieß um gegen diejenigen, die ihm und seinen Parlamentskollegen gerade dies im vergangenen halben Jahr zum Vorwurf gemacht haben: immer höhere Ansprüche zu stellen, bei den eigenen Forderungen keine Grenzen zu kennen?