Bitte nicht flirten!

Ach, wenn doch endlich Wahlen wären ..., beendete der Briefschreiber seine Beschwerde an den Präsidenten der französischen Nationalversammlung. Den Unmut des Bürgers hatten freilich weder Steuererhöhungen noch Subventionskürzungen erregt, sondern die Szenen der parlamentarischen Fragestunde, die das Fernsehen jeden Mittwoch überträgt. Da ist ein Pfeifen und Johlen im Saal, schwirren feine Gemeinheiten und grobe Beleidigungen, wie man sie den Herren reiferen Alters (Damen gehören diesem Klub kaum an) gar nicht zugetraut hätte. Die meisten Beschwerden, die auf dem Schreibtisch des Parlamentspräsidenten eingehen, gelten diesem Spektakel. Nichts entgeht dem Auge des Wählers – selbst nicht der Flirt eines Abgeordneten mit der einstigen Gesundheitsministerin Michèle Barzach, dem ein empörter Bürger ein rasches Ende setzen wollte: Er schickte noch während der Sitzung ein Telegram ...

Ohne Kopf und Kapital

Angela Davis, einst charismatische Führungsfigur der amerikanischen Schwarzen Panther, hat ihre politische Heimat verloren: Die farbige Marxistin, die sich immerhin dreimal im Namen der Proletarier aller fünfzig US-Bundesstaaten um das Amt des Vizepräsidenten in Washington beworben hatte, wurde jetzt aus der KPUS, der kommunistischen Partei der Vereinigten Staaten, ausgeschlossen. Damit ist sie das prominenteste- ^ Opfer einer Säuberungswelle, die der greise Parteichef Gus Hall inszenierte, um mit einer neostalinistischen Wende den Untergang seiner Partei zu verhindern. Doch das Ende naht, nun noch schneller. Mit Angela Davis fehlt den 12 000 zur Hälfte schwarzen Genossen eine wirkliche Identifikationsfigur; und mit der Sowjetunion ist auch die materielle Basis der letzten Klassenkämpfer im Zentrum des Kapitalismus untergegangen. Nun, da die Moskauer Überweisungen von jährlich zwei Millionen Dollar fehlen, scheint auch die politische Pleite programmiert – schließlich bestimmt das Sein doch das Bewußtsein.

25 Jahre Wolfgang Wagner

Es gibt Zeitschriften, die es ohne bestimmte Personen wohl nicht gäbe. Das Europa-Archiv und Wolfgang Wagner gehören dazu. Einigen Bonnern ist Wagner aus seinen Korrespondentenjahren noch als jemand in Erinnerung, der, statt Nachrichtenhäppchen hinterherzujagen, scharfsinnige Analysen verfaßte, Hintergründe aufhellte, Zusammenhänge herstellte, politische Strukturen und Tendenzen deutlich machte. Später folgte die Zeit als Chefredakteur der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Vor allem aber hat sich Wagner als Autor des Europa-Archivs, eines der raren deutschen Periodika für internationale Politik, ins Gedächtnis eingeschrieben. Auch als führendes Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik ist er unverändert präsent. Nun gibt es bei der mit der Gesellschaft eng verbundenen Zeitschrift ein ungewöhnliches Jubiläum: Mit Beginn dieses Jahres ist Wolfgang Wagner seit einem Vierteljahrhundert ihr Herausgeber – ein Engagement und eine Kontinuität, die selten und deshalb um so bemerkenswerter geworden sind.