Die Radlergruppe, die ich auf abgelegenem Weg ganz langsam und vorsichtig mit dem Auto überhole, ist nicht gut auf mich zu sprechen. Kopfschütteln, verächtliche Blicke, Drohgebärden, Klingelprotest – und durch das schlitzbreit geöffnete Fenster höre ich den Anwurf: Benzinstinker!

Einen fachlich tadellos gestylten Radler mit zehn Gängen in der Hinterhand glaube ich zu erkennen: ein smarter Geschäftsmann, der es leicht auf 100 000 Autokilometer im Jahr bringt. Im normalen Leben lenkt er rasant einen 160-PS-Hirsch. Und ich mit meinen 15 000 Jahreskilometern bin der Benzinstinker. Dabei habe ich nur eben mal vom Bauernhof Eier von freilaufenden Hühnern geholt.

Auch die anderen Radler der Gruppe sehen nicht gerade so aus, als ob sie fanatische Autogegner seien. Aber heute bleibt die Garage geschlossen; auf zwei Rädern gönnt man sich einmal in der Woche das überlegene Gefühl totaler Autoverachtung. Das Fleisch, vor allem der Fuß, zuckt zwar aus Gewohnheit immer noch zum Gaspedal, aber der Geist verdrängt im Sattel die Mitverantwortung für schleichendes Waldsterben.

Hat man das Glück oder die Last, über einen Zeitraum von fast sechs Jahrzehnten die Berg- und Talfahrt der eigenen Radfahrerlaufbahn im imaginären Rückspiegel betrachten zu können, nicht nur technisch, sondern auch soziologisch, so ergibt das eine schwindelerregende Tour.

Sie begann Anfang der dreißiger Jahre mit einem hart gesattelten Damenfahrrad der Marke „Edelweiß“ ohne Freilauf mit einer grob konstruierten Klotzbremse für das Vorderrad. Es war die Fahrt auf einer Tretmühle; Ruhepausen gab’s nur durch kräftiges Spreizen oder Anziehen der Beine. Gut, daß ich damals im hinterpommerschen Flachland und nicht dort wohnte, wo meine Fahrradmarke blühte. Trotzdem kam es, wie es kommen mußte. Sturz, zerschundene Waden und Knie und, Schlüsselerlebnis meiner jungen Radfahrerlaufbahn, Gabel- und Schlüsselbeinbruch.

Nach Genesung durfte ich hin und wieder Vaters großes Herrenrad mit Karbidlampe benutzen. Weil die Querstange viel zu hoch war, blieb ich bis zur Hüfte im Rahmen und hielt in abstrakt gekrümmter Haltung Lenker und Balance. Wir nannten diese Technik damals schlicht und treffend „durchbeinig fahren“.

Ende der Vierziger kam ich durch glückliche Umstände in den Besitz eines Rabeneik-Rades. Nach den traumatischen Erfahrungen mit der Edelweiß-Mühle und der rückgratverkrümmenden Durchbeinigkeit fühlte ich mich ungeheuer privilegiert. Mein Rad mit funktionierender Beleuchtung und stabilem Gepäckhalter erweckte rundum Begehrlichkeiten. Ich erinnere mich noch gern daran, wie ich das eine oder andere hübsche Mädchen auf der stabilen Querstange zum Schwof auf der Bauerndiele mitnahm. Glanzvoller Höhepunkt dieser glücklichen Radlerzeit war die Hochzeitsreise von Bremen nach Scharbeutz an die Ostsee – natürlich auf zwei Rädern. Ich ließ die Braut und mein Rabeneik nicht aus den Augen.