Was ist ein Sitz? Ein Sitz ist eine Vorrichtung zur Aufnahme des Gesäßes. Sie ist um so preisenswerter, je mehr sie ihm schmeichelt.

Was ist eine Muschel? Ein Weichtier. Doch das interessiert uns hier weniger als die beiden Schalen, die es mit einem kräftigen Muskel zu öffnen und zu schließen vermag. Genauer ist es die Form ihrer perlmuttglatten Innenseiten, die so ausgebildet sind, daß sie sich um die Muschel schmiegen. Freilich tritt das Glück, zueinander zu passen, nur bei gegenseitigem Bemühen ein: Die Muschel muß sich schon in die harten, glatten, feinen Schalen fügen wollen. Was sie doch auch tut.

Und was ist eine Sitzmuschel, oder, sagen wir, eine Sitzschale? Aber natürlich! Es ist ein Schalensitz, in welchen sich unsere weichtiergeschmeidige untere Körperpartie schmiegt – und der das mit seinem Relief so angenehm, das heißt so selbstverständlich wie möglich erlauben soll. Der erstrebenswerteste Zustand wäre erreicht, wenn das Sitzfleisch vergäße, daß es sitzt – und worauf.

Das ist zum Beispiel der Fall mit einer Sitzschale, die ursprünglich nur für Zuschauer sportlicher Auseinandersetzungen gestaltet worden ist. Unterdessen erleichtert sie uns schon lange auch das Warten in Untergrundbahnhöfen und anderswo. Aber hätte man denn nicht annehmen sollen, daß es derlei Sitzgelegenheiten längst gibt, Sitzbretter, Sitzbänke, (wetterfestes) Gestühl aller Art und massenhaft? Gewiß, alles schon vorhanden, in Stadien, Theatern, Arenen seit der Antike – nur eben nicht dieser aus Polyamid gegossene komfortable Schalensitz, dem man seine Bequemlichkeit nicht gleich auf den ersten Blick Ansicht

Es gäbe ihn auch heute noch nicht, wenn die Stadt München 1972 nicht die Olympischen Spiele veranstaltet hätte und wenn sie nicht für die ganze Nation bestrebt gewesen wäre, den bösen Ruf von 1936 in Berlin zu tilgen. Den Arrangeuren war dafür ein epochales Leitmotiv eingefallen, mit dem sie hofften, die erbitterten, in Nationalitäten-Konkurrenzen ausgearteten Sportler-Wettkämpfe zu verwandeln: in „heitere Spiele“ – wohlgemerkt in Spiele, nicht in Kämpfe. Fortan richtete sich alles darauf. Nicht zuletzt im „Erscheinungsbild“, für das die Stadt als Gestaltungsbeauftragten Otl Aicher berufen hatte, sollte sich die schöne Idee spiegeln. So geschah es, daß zu der so ausdrücklich transparenten und beschwingten Architektur, zu den berühmten Piktogrammen und den lichten Farben auch der Olympiasitz der Designer Horst Fleischmann und Hans Roericht gehörte, beide der Ulmer Schule zugehörig wie Otl Aicher.

Anfangs aber hatten die einen noch Sitzbänke für die Stadien gewollt, weil sie angeblich der Kommunikation besonders förderlich seien. Die anderen aber verlangten für jede Eintrittskarte einen eigenen Sitz, einen ohne Lehne, damit bei Katastrophen besser quersitzein zu fliehen wäre. Die Stadionarchitekten wiederum waren dessen so zufrieden, weil unter ihren Zeltdächern nun auch die hunderttausend Sitz Rasterpunkte jeden Verdacht von Monumentalität vertrieben.

So entstand eine Sitzschale von eigenartiger Vollkommenheit. Sie ist, 42 Zentimeter über dem Boden, mit nur einer Schelle und vier Schrauben leicht anzubringen (es gab allein im Münchner Olympiastadion vierzig Kilometer Sitzreihen); sie wölbt sich vorn um zehn, hinten aber um dreißig Grad aufwärts, anatomisch so geschickt, daß das Rückgrat spürbar gestützt wird. Der Sitz erlaubt jedermann, so darauf zu sitzen, wie er will. Gesäß und Oberschenkel empfinden ihn dabei „wie angegossen“, man braucht nur die leichte Wölbung vorn zu betrachten, die die Oberschenkel getrennt voneinander bettet. Und durch das Loch fließt das Regenwasser ab.

Auf dieser Sitzschale ruhend, vergißt man die fehlende Lehne. Sie ist gewissermaßen in der hinteren Aufwärtswölbung inkarniert. Es gibt sie nicht, aber sie ist da. Ein Wunder.