Wie nah oder fern sind uns die Anfänge unserer Moderne um 1800? „Nature is but a name for an effect, whose cause is God notiert Johann Georg von Dillis (1759 bis 1841), aufgeklärter Bildungsbürger auch er, 1793 in eines seiner vielen Skizzenbücher und modifiziert einen Goethe nahestehenden Pantheismus als Akzeptanz der Natur. Ihre realistische Darstellung kommt zum ersten Mal in der Geschichte der Malerei ohne Idealisierung aus. In Dillis’ Œuvre sind beide Tendenzen wahrzunehmen, die klassischtraditionelle und die naturalistisch-avantgardistische. Die konservative Bildform macht innerhalb der gut zehntausend Arbeiten, die er hinterlassen hat, einen verschwindend kleinen Prozentsatz aus, repräsentiert aber leider Dillis’ Schaffen in Museen und Sammlungen des 19. Jahrhunderts. Die fortschrittlichen, sogenannten privaten Aquarelle und Ölstudien, sein Beitrag zur Entwicklung der Malerei, hat Dillis nur Freunden, Kennern und Kollegen gezeigt. Dieser Teil seines Werks wird erst in der Mitte unseres Jahrhunderts wiederentdeckt.

Die Retrospektive zum 150. Todesjahr in der Neuen Pinakothek verzichtet auf eine strenge Trennung. Über zweihundert Bilder werden nach Motiven gruppiert. Ein Viertel davon zeigt Zeitgenossen wie Turner, Constable, die keinen unmittelbaren Bezug zu Dillis haben, eher dessen eigenständige Naturbeobachtung dokumentieren. Es geht den Ausstellungsmachern um die gleiche Aufgabenstellung: wie die Luftperspektive mit kontrastierenden farbigen Licht- und Schattenmassen die Zentralperspektive überflüssig macht. Hier formuliert sich eine neue Sicht auf Dillis, die Christoph Heilmann im Katalog zum ersten Mal vorstellt. Er erschließt der Dillis-Forschung neue englische und von diesen abhängige französische Quellen. Vor allem die englischen Einflüsse lassen Dillis als Deutschbriten erscheinen, obwohl er nie in London, aber häufig in Italien war.

Den theoretischen und praktischen Informationsfluß neuester künstlerischer Tendenzen garantieren englische Adlige. Sie lassen sich auf ihren grand tours durch Europa (mit Ziel Rom) von zeichnenden Künstlern wie Dillis als den Bildreportern jener Jahrzehnte begleiten. Auf diesen Reisen lernt Dillis die von allen klassischen Regeln befreite britische Natursicht kennen, die ohne die drei Bildpläne Vorder-, Mittel- und Hintergrund, ohne Repoussoirfiguren links und rechts am Bildrand auskommt. Natur pur. Und der schon 1790 beamtete und erfolgreiche kurfürstliche Bilder-Galerie-Inspector und spätere königliche Central-Gallerie-Direktor findet auf seinen Inspektions- und Ankaufsreisen im Auftrag Ludwigs I. Zeit für die Pleinairmalerei. So kann er den klassischen Kunstforderungen des Münchner Hofs gleichzeitig dienen und entfliehen, unbeobachtet experimentieren.

Seiner Rolle als aufgeklärter, gelehrter und weltmännischer Museumsmann beim Aufstieg Münchens zur süddeutschen Kunstmetropole und beim Aufbau der Alten Pinakothek entspricht sein lang verborgen gebliebener Status als früher Entdecker einer atmosphärischen Lichtmalerei, die sich gerade nicht an repräsentativen, sondern zufälligen und pittoresken Motiven entzündet.

Dillis wird zum ersten deutschen Maler der in England entdeckten Empfindsamkeit gegenüber der Natur, wie sie in der Gestaltung der englischen Landschaftsgärten ihren Ausdruck fand – seine „künstlerisch aufregendsten Landschaftsstudien“ (die zum Beispiel die Barbizon-Schule, die Impressionisten, die späten Walchenseelandschaften Corinths und informelle Techniken vorbereiten) sind in der Ausstellung zu wenig vertreten. Am eklatantesten zeigt sich Dillis’ Aktualität in späten Landschaftsaquarellen. Souverän vermählen die lockeren Strukturen in Kohle und Deckweiß die schattigen tiefen Waldräume mit den einfallenden Sonnenreflexen. Wenige zartfarbige Aquarelltöne auf dem ockrig grundierten Papier evozieren die Farben eines Herbstwaldes im Gegenlicht. (Neue Pinakothek bis zum 9. Februar, danach vom 1. März bis zum 3. Mai Albertinum, Dresden; Katalog im Prestel-Verlag, 49,– DM an der Museumskasse) Monika Goedl