Von Uta van Steen

Ihre Augen sind so blau wie die von Paul Newman und der Himmel über Alaska. Elf Köpfe gucken neugierig aus den Klappen des Transporters. Vern Halter hebt den ersten Huskie aus dem Auto, zupft ihm ein paar Strohhalme aus dem Fell, kettet ihn an und stellt ihn in den Schnee. Das macht er elfmal hintereinander. Dann zieht er ihnen kleine blaue Lederstiefelchen über die Pfoten. Danach gibt’s Pansen.

Nur Benji durfte bei Vern Halter im Motelzimmer schlafen, Benji, der Leithund. Auf ihn kommt morgen alles an. Morgen und die nächsten elf, zwölf Tage, wenn das Hundegespann die 1600 Kilometer durch das tiefverschneite Winterwunderland rasen wird. Denn das „Yukon Quest“ gilt seit 1984 neben dem schon länger bestehenden „Iditarod“ als Alaskas härtestes Schlittenhundrennen – als die Herausforderung des Nordens.

Die Route führt von der alten Goldgräberstadt Fairbanks bis nach Whitehorse im Yukon Territory – durch die einsamste und kälteste Gegend von Amerika. Bei arktischer Kälte von sechzig Grad unter Null lenken die Gespannführer, die Musher, ihre Hundeschlitten durch verschneite Täler und Wälder und überqueren die längste unüberwachte Grenze der Welt nach Kanada. Mit einer Geschwindigkeit von bis zu fünfzig Meilen in der Stunde pfeift ihnen dabei der Wind um die Ohren. Der Trail folgt auch 250 Meilen lang dem zugefrorenen Yukon, dem alten „Highway des Nordens“.

Doch Morgen ist noch ein paar Stunden weg. Heute amüsieren sich die Musher noch einmal beim traditionellen Festbankett, das die Sponsoren ausgerichtet haben. Denn Hundeschlittenfahren ist kein billiger Sport. Allein das Training für das Quest kann bis zu 30 000 Dollar verschlingen. Und das Preisgeld von 75 000 Dollar kommt nur den ersten fünfzehn Mushern zugute, die anderen vierzig Teilnehmer werden leer ausgehen. Der letzte, der in Whitehorse erschöpft und überglücklich über die Ziellinie fährt, wird einen besonderen Preis bekommen: die „Rote Laterne“. Rund zehn andere Musher werden es nicht geschafft haben, das Rennen zu beenden. Sie haben irgendwo auf dem Weg aufgegeben.

Das Essen ist nahrhaft, reichlich und kräftig. Mais und Kartoffeln, viel, viel Fleisch und bonbonbunte Torten. Noch ein bißchen befangen sitzen die Musher mit ihren Familien an den großen runden Tischen. Trapper sind darunter und professionelle Gespannführer, Lehrer und Zahnärzte. Auch die Frauen mischen mit, etwa die zwanzigjährige Zahnarzthelferin Terri Frerichs. „Ich bin total gespannt, wie die jungen Hunde, die ich selbst trainiert habe, beim Rennen abschneiden“, sagt sie. Insgesamt sechs Frauen stehen auf der Startliste, die Musherin Kate Persons belegte im letzten Jahr immerhin Rang fünf.

Vern Halter ist Biologe. Er erzählt, daß die Route den historischen Trails der Goldgräber, Trapper und Missionare folgt. Er widmet seine gesamte Freizeit seinem Hobby – mit beträchtlichem Erfolg. Im vergangenen Jahr hat er Platz zwei erreicht. Warum er die Strapaze auf sich nimmt? „Komm zum nächsten Checkpoint“, sagt er. „Dann erzähle ich dir mehr.“