Wanderer, kommst du nach Posemuckel, gedenke auch derer, die hier ihr Leben verbringen. In der fallenden Dämmerung ist die Autobahnabfahrt leicht zu verfehlen. Die Ortschaft hat längst geschlossen, die Bürgersteige sind hochgeklappt, einsam liegt die Fußgängerzone. Nichts ist abweisender für unverhoffte Gäste als ein deutsches Städtchen am Abend.

Im Gasthof wird dir eine durchgelegene Matratze zugewiesen, in der Kneipe erstirbt das Gespräch, wenn du eintrittst. Die Einheimischen näher kennenzulernen, bedarf es eines Spaziergangs durch die dunklen Seitenstraßen. Dort zieht dich das kleine Photogeschäft magisch an. Und tatsächlich, hier in der Schaufensterauslage warten die Einheimischen auf dich.

Geduldig lächeln sie dir zu. In Schale geworfen oder ganz leger, mit verführerischem Augenaufschlag oder würdevoller Miene, einzeln oder in Mannschaftsaufstellung, hier treten sie an die Öffentlichkeit. Dort blinzelt dir ein Pensionär hinter seiner Hornbrille zu. Daneben ein gehemmter Konfirmand, noch ungewohnt in Schlips und Anzug, vom Blitzlicht etwas eingeschüchtert. Dahinter ein feuchtfröhlicher Schwung von Karnevalisten, nebenan ein Gruppenbild der freiwilligen Ortsfeuerwehr. Schulter an Schulter stehen sie, lauter offene, rote Gesichter, die drei knienden Ritter in der Mitte präsentieren die Feuerspritze.

Andere Bilder künden von der silbernen Hochzeit, stolz ruht die Hand des Jubilars auf der Schulter seiner Gemahlin, das langjährige Eheglück umgibt die beiden wie ein Heiligenschein. Das nackte Baby auf dem Bärenfell ist hier verewigt und natürlich auch die Freundin des Ortsphotographen, in tausenderlei Posen abgelichtet und verehrt.

Hier schauen dich Menschen an, die gesamte Einwohnerschaft ist im Schaufenster versammelt. Ein jeglicher erzählt seine kleine Geschichte, in jedem Gesicht spiegelt sich das Posemuckeische Leben wider.

Jetzt sitzen sie wieder hinter ihren Gardinen und vor ihren Fernsehgeräten, aber nur hier in der Schaufenstergalerie sind sie ganz und gar wahrhaftig. Nicht nur in Posemuckel, sondern im ganzen weiten Land, in der verborgenen Exotik der deutschen Kleinstädte, Marktflecken und Kuhdörfer.

Wo immer ein Photograph sein Domizil aufgeschlagen hat, werden sie sich im Schaufenster versammeln und auf den unbekannten Besucher warten. Verkündige also, du habest uns hier hängen gesehen, wie das Gesetz es befahl. Johannes Groschupf