Fetzen rotbrauner Tünche rotten an den Ziegelhäusern, Rost zerfrißt die Feuerleitern, ausgebrannte Ruinen wechseln mit stillgelegten Manufakturen ab. Am Rinnstein ausgeweidete Kühlschränke, Autowracks und knietiefer Müll, in dem Obdachlose herumstöbern, um ihren Besitzstand im Einkaufswagen zu mehren. Das Wasser eines undichten Hydranten füllt eine Abrißfläche zu einer Riesenpfütze auf, in der Kinder auf Kanistern und Reifen Seeschlachten spielen. Aus den Fenstern lehnen karibische Mädchen. „Crack, Crack“, zischen schwarze Jugendliche in weißen Turnschuhen den Passanten zu. Ein Stein aus der zugemauerten Fensterfront des leerstehenden Nachbarhauses ist herausgeschlagen. Hände reichen kleine Tütchen heraus und schnappen nach Geldscheinen. Der Drogenschalter ist Tag und Nacht geöffnet, der Händler sicher eingebunkert zwischen graffitiüberzogenen Mauersteinen.

Sonntag in Bedford-Stuyvesant, Brooklyn, Nähe Knickerbocker Avenue, ein Ort, den der weiße New Yorker meidet.

Eine verlebte Zwanzigjährige, torkelnd, das Netz ihres Hütchens übers Gesicht gelegt, schreit verzweifelt wegen einer angeblich gestohlenen Zehn-Dollar-Note. Wieder und wieder zählt die Puertoricanerin, völlig konfus, ein Bündel kleiner Scheine. Plötzlich fällt sie auf die Knie und sammelt panisch kleine Plastikröhrchen auf, die das Pflaster übersäen. Männer, die in Trauben herumstehen, lachen. Ghostbusting heißt es in der Crack-Szene, wenn jemand nach dem kurzen Rausch verzweifelt über den Boden kriecht und nach den Crack-Kristallen sucht, die die quälenden Geister vertreiben sollen. Doch die Röhrchen sind leer, die Dämonen bleiben. Aus Böswilligkeit verschließen andere Crack-Raucher die drei Zentimeter langen Röhrchen nach Gebrauch wieder und werfen sie weg.

Mit Crack, glaubt Nelson Mandelez, Streetworker von der Association for Drug Abuse Prevention and Treatment, ADAPT, einer von Afro-Amerikanern und Hispanics gegründeten Selbsthilfeorganisation gegen Drogen und Aids, sei endgültig der Teufel in den Schwarzenghettos und Latino-Barrios von New York eingezogen. „Sieh genau hin“, sagt Mandelez, „er ist überall.“ „Da!“ – eine hinkende Gestalt, die fabulierend im Kreis herumrennt. „Da!“ – eine verschreckte Frau, die in einem Bretterverschlag kauert. „Da!“ – Passanten mit Brandblasen auf den Lippen, von der heißen Glaspfeife versengt. „Da!“ – der Mann in dem parkenden Auto, der sich vor dem Rückspiegel Hautfetzen aus dem blutenden Gesicht rupft. „Die Leute halluzinieren“, erklärt Mandelez, „sehen überall Pickel.“

Für wenige Minuten trägt die Droge ihre Opfer in höhere Sphären, um sie dann in einer rasanten Achterbahnfahrt in die Hölle sausen zu lassen. „Alles rast in dir los. Dein Herz klopft und hämmert das Blut in die Schläfen, das Gehirn prickelt, und Sirenen singen in deinen Ohren. Es gibt dir die Macht eines Pharaos und stürzt dich zugleich in totale Konfusion. Dann, nach ein paar Minuten, ist alles vorbei. Du bist furchtbar traurig, fühlst dich kotzelend. Du willst dieses Erlebnis wiederhaben. Doch nie wieder wird es wie beim ersten Mal. Dein Leben wird zur Suche nach diesem einmaligen, für immer verlorenen Gefühl. Du ißt nicht mehr. Du rauchst und rauchst bis zur Erschöpfung, es macht dich wahnsinnig. Das erste Erlebnis aber kehrt nie wieder zurück.“

Offen, mit einem Anflug von Reue, redet Bernard über seine Crack-Erlebnisse. Er ist schwarz, ein Baum von einem Mann und hat fast alles ausprobiert: Heroin, („Macht lethargisch und gibt dir den Blues“), Amphetamine, Kokain und angel dust, die New Yorker Discountdroge vom Schlachthof, ein synthetisches PCP-Piäparat, das die Tiere ruhigstellen soll. Bernard hat alles überstanden. Doch nun droht Aids ihn zu fällen. Wo er sich infiziert hat, weiß er nicht.

In den großstädtischen Elendsvierteln Amerikas sind Armut, Drogen und Aids zur Trias des Niedergangs verschmolzen. Schon jetzt ist die Zahl der Schwarzen und Hispanics unter den heterosexuellen Virusträgern fünfmal höher als die der Weißen, obwohl sie nur ein Viertel der Gesamtbevölkerung ausmachen. 51 Prozent der aidskranken Frauen sind schwarz, 34 Prozent Hispanics. 90 Prozent der infizierten Kinder gehören diesen beiden ethnischen Minderheiten an. Trägt man die einzelnen Infektionen als schwarze Punkte auf dem Stadtplan ein, so bedeckt das Raster wie eine dunkle Schablone genau jene Slum-Bezirke, die von der Polizei als drug and high crime areas bezeichnet werden: Harlem, die südliche Bronx, die Bezirke Bedford-Stuyvesant und Bushwick in Brooklyn.