Von Sergei Cemenenkoff

BERLIN. – Die August-Putschisten und Co., die heutzutage am neuesten sowjetischen Sport „Springen vom Balkon ohne Fallschirm“ teilnehmen oder im Gefängnis sitzen, hatten die Situation im Land völlig falsch eingeschätzt. Statt Panzer zu Jelzins „Weißem Haus“ zu schicken, hätte es ausgereicht, mit einigen Tonnen Fleisch, Wurst oder Käse die Sympathie der einfachen Leute zu gewinnen.

Das Volk ist bereit, jede Diktatur zu akzeptieren, behauptete jüngst Kasachstans Präsident Narsultan Nasarbajew. Vor der Gefahr eines neuen Putsches, jetzt von unten, warnt heute (noch einmal!) Schewardnadse. Mehr und mehr erinnern sich die Leute in der ehemaligen Sowjetunion an die Zeiten vom eisernen Josef Stalin, in denen es mindestens „etwas zu fressen“ gab.

Es ist schon lange her, daß es für deutsche und französische Lehrer eine Ehre war, die Kinder der russischen Adelsfamilien zu erziehen. Damals hat Rußland Weizen nach Amerika verkauft, nicht umgekehrt. Heute befindet sich das Land nach 74 Jahren sozialistischer Entwicklung irgendwo zwischen Sri Lanka und Bangladesch, allerdings mit dem Unterschied, daß diese zwei Länder keine Atomraketen besitzen.

Die Krise wirkt sich auch auf das Selbstbewußtsein der Menschen aus. Was machen die sowjetischen Touristen, wenn sie nach Berlin oder in eine andere westliche Großstadt kommen? Eilen sie zu den Museen? Ins Theater? In die Oper? Oder besuchen sie vielleicht Ausstellungen? Nein, das ist das letzte, wofür sie sich interessieren. Die meisten von ihnen schleppen Tüten von Aldi oder Bilka zu den Bahnhöfen oder versuchen sich überall im Schwarzhandel. Das ist die Realität, ob man sie sehen will oder nicht. Es ist völlig klar, warum es so ist. Ein russisches Sprichwort sagt: „Der, der satt ist, kann den Verhungernden nicht verstehen.“

Wie der Ertrinkende nach jedem Strohhalm greift, so bemüht man sich in Rußland, einen Wunderwirtschaftsplan zu finden, die Zauberformel, die alles in kurzer Zeit ändern soll. Es gab schon Fünfjahrespläne, Pläne bis zum Jahre 2000, Programme für 400, 500 Tage... Jetzt handelt es sich um einen Plan bis zum nächsten Herbst. Bis dahin muß sich die Wirtschaftssituation stabilisiert haben. Oder mindestens der gefährliche Schwebezustand „mit einem Bein in der Luft“ (Jelzin) muß zu einer festen Position mit beiden Füßen auf der Erde werden. Die Frage ist nur, woher kommt der Optimismus, in ein paar Jahren die Marktwirtschaft gestalten zu können? Man muß kein Genie sein, um zu verstehen, daß es heute schon zu spät ist, von schmerzlosen Lösungen zu träumen. Zu viel Zeit ist bereits verloren.

Das Rad kann man nicht zweimal erfinden. Nach den Jahrzehnten des kommunistischen Versuches ist den Sowjets nichts übriggeblieben, als bei den „bösen Kapitalisten“ das Elementarste zu lernen: wie man ein Bankensystem schaffen kann, wie Getreide und Kartoffel angebaut werden oder wie das Straßennetz geplant werden kann.