Lang ist das Leben, kurz ist der Scherz. Weil diese Kolumne kurz ist, leidet sie von Anfang an unter dem Mißverständnis, hier werde gescherzt. „Das Letzte“ ist im Gegenteil der Ort, wo über die letzten Dinge in aller Kürze nachgedacht wird. So, wie es zum Beispiel Friedrich Karl Fromme dieser Tage in einer Leitglosse der FAZ vorbildlich getan hat, indem er zu der Frage, ob acht zu lebenslanger Haft verurteilte RAF-Terroristen vorzeitig freigelassen werden sollten, kurz und bündig anmerkte, es gehe hier um Leute, „die nicht aus irgendwie rationalen Motiven wie Gewinnsucht gemordet haben, sondern als selbsternannte Weltverbesserer“ und dadurch, so das Argument, die „Schwere der Schuld“, die der Begnadigung im Weg stehen könnte, vergrößert haben.

Die These, es sei „Gewinnsucht irgendwie rational“, der Wunsch hingegen, die Welt zu verbessern, sei nicht rational, mag auf den ersten Blick bizarr anmuten, zumal Fromme die gedankliche Provokation durch die Vokabeln „Sucht“ und „irgendwie“ gezielt verschärft. Aber sehen wir genauer hin.

Weltverbesserungswunsch und Gewinnsucht sind, das lehrt simple Lebenserfahrung, einander ausschließende Bestrebungen. Wen die Sucht nach persönlicher Bereicherung treibt, der will die Welt nicht verbessern, und wer sie verbessern will, den treibt anderes an als Gewinnsucht. Siehe Jesus et al.

Da beide Ziele einander ausschließen, kommt es darauf an, welches besser zu begründen ist. Und da sehen wir, daß Gewinnsucht ein ganz natürliches Streben ist. Kaum gibt man dem Baby einen Löffel Brei, schon will es den nächsten. Kriegt die Schwester einen Apfel, will es auch einen. Es ist ein Naturgesetz, keine Frage. Noch nie hingegen hat man bemerkt, daß Babys die Welt verbessern wollen. Dieser unnatürliche Drang erfaßt erst die Erwachsenen.

Der Blick in die Kinderstube, wo die Kleinen (noch unverdorben von Pädagogen und Weltverbesserern) ihrem natürlichen, gottgegebenen Drang folgen, lehrt uns: Gewinnsucht ist dem Menschen wesentlich. Gewinnsucht verbindet auf natürliche Weise die Menschen miteinander und ist deshalb rational. Weltverbesserung hingegen widerstrebt den Menschen, weil sie lieber ihr eigenes Los als das der anderen verbessern wollen, und ist deshalb irrational. Auf die Terroristen angewendet: Wer sich von einem menschlichen Wesensmerkmal wie der Gewinnsucht ausschließt und wesensfremd die Verbesserung der Welt im Auge hat, ist (gattungsmäßig gesehen) zwar noch ein Mensch, aber er lädt dadurch eine Schwere der Schuld auf sich, die eine Begnadigung ausschließt.

Die Kürze, zu der sich der Leitkommentator Fromme immerzu zügelt, könnte der Entfaltung seines Gedankens hinderlich gewesen sein. Deshalb haben wir gern die Gelegenheit ergriffen, erläuternde Dienste zu leisten. Es mag allerdings der Versuch, dem Kollegen Fromme in schwieriger Mission beizuspringen, nicht ganz von weltverbessernden Motiven frei gewesen sein, was wir daraus schließen, daß diese Glosse wider Erwarten etwas länger geworden ist, aber insofern gewiß kein Scherz. Finis