Die Preistafeln an den Tankstellen vermitteln eine frohe Botschaft: Benzin ist billiger geworden. Gewiß, wir müssen noch deutlich tiefer in die Tasche greifen als vor dem 1. Juli vergangenen Jahres. An jenem Tage sorgte die kräftigste Erhöhung der Mineralölsteuer, die es je gegeben hat, bei bleifreiem Normalbenzin für einen Preissprung von 25 Pfennig je Liter.

Inzwischen ist die Hälfte dieser Preiserhöhung aber wieder abgebröckelt. Zu Beginn dieser Woche kostete ein Liter Normalbenzin im landesweiten Durchschnitt 1,33 Mark. Und auch das muß noch nicht das letzte Wort sein – die Tendenz ist eher fallend. Der Benzinpreis ist damit nur noch um gut 15 Pfennig je Liter höher als zu Beginn des vergangenen Jahres. Da kann es eigentlich nur noch eine Frage der Zeit sein, bis das Volk zu seinen alten Traditionen zurückfindet – und wieder kräftiger Gas gibt.

Die Steuererhöhung – aus der Bonner Finanznot geboren und keineswegs als Beitrag zu Umwelt- und Ressourcenschonung gedacht – hat dazu geführt, daß weniger Benzin verbraucht worden ist. War der Absatz im ersten Halbjahr 1991 noch um drei Prozent gestiegen, so ging er in der zweiten Jahreshälfte um etwa den gleichen Prozentsatz zurück. Damit ist der Benzinverbrauch in den alten Bundesland dern zum erstenmal seit einer Reihe von Jahren nicht mehr gestiegen.

Aber demjenigen, der nun hofft, der Griff in den Geldbeutel habe dem Verstand auf die Sprünge geholfen, gießen die Statistiker des Mineralölkonzerns Esso gleich Wasser in den Wein. Etwa zwei Drittel der Einbuße des zweiten Halbjahres, so haben sie ermittelt, sind der Tatsache zu verdanken, daß seit der Steuererhöhung mehr Deutsche im Ausland und weniger Ausländer in Deutschland tanken.

Kein Wunder also, daß die Benzinfirma Shell für das laufende Jahr schon wieder einen – wenn auch bescheidenen – Verbrauchszuwachs erwartet. Und wenn die Preise weiter zurückgehen, könnte der Zuwachs durchaus kräftig ausfallen. Auch andere Anzeichen deuten darauf hin: So tendieren die Rohölpreise derzeit nach unten. Dabei ist das Rohöl ohnehin so billig wie noch nie seit Ausbruch der ersten Ölkrise im Jahre 1973. Denn 1974, im Jahre eins des neuen Ölzeitalters, kostete eine in die Bundesrepublik importierte Tonne Rohöl 224 Mark, jetzt sind dafür nur gut 180 Mark zu zahlen.

Für diesen Preisverfall ist das reichliche Angebot verantwortlich, und nicht einmal vermehrter Konsum dürfte die Versorgung gefährden. Selbst der Golfkrieg vor einem Jahr ist am internationalen Ölmarkt ohne gravierende Folgen geblieben. So sind die Kriegsgegner Kuwait und der Irak, die 1990 zusammen noch mit fünf Prozent zur Rohölförderung der Welt beigetragen hatten, 1991 als Lieferanten völlig von der Bildfläche verschwunden. Am Rohölmarkt hat man davon, außer ein paar Hopsern in der Preiskurve, nichts gespürt.

Andere Förderländer, allen voran Saudi-Arabien und Venezuela, öffneten ihre Ölhähne ein wenig weiter und stellten damit das Marktgleichgewicht wieder her. Aber sie haben derzeit wenig Lust, ihre Förderung mit Rücksicht auf die allmählich wieder auf Touren kommende Produktion der Kuwaiter zu drosseln – ein tendenzielles Überangebot ist die Folge. Und weil das sinkende Preise auslöst, die gleichzeitig zu geringeren Einnahmen der Ölstaaten führen, wächst die Neigung, das durch eine höhere Förderung auszugleichen.