Heilbronn

Endlich kann wieder Ruhe einkehren in dem schwäbischen Städtchen, endlich ist die Weihnachtszeit vorbei, dieser Dezember voller Aufregungen. Jetzt wird niemand mehr gezwungen, sich auf das Schicksal eines Asylbewerbers einzulassen. Ein Theater war das, die Zuschauer mochten es kaum glauben. Und sehen wollten sie es schon gar nicht.

Auf dem Spielplan des Stadttheaters konnte aber auch stehen, was wollte, alle siebzig Vorstellungen im Dezember begannen gleich: Laut und getragen dröhnte dem Publikum die deutsche Nationalhymne in die Ohren, bis Haydns Kaiserquartett nach ein paar Takten abrupt im Klirren splitternder Fensterscheiben zerbarst. Ohrenbetäubender Lärm, dann betrat eine Schauspielerin oder ein Schauspieler die Bühne und schilderte in schlichten Sätzen den Lebenslauf eines Asylbewerbers in Deutschland. Abwechselnd wurden die Schicksale einer Libanesin, einer Eritreerin, eines Tamilen und eines Iraners vorgetragen.

Fünf Minuten, die ausreichten, das Publikum zu verärgern, und zwar vor allem dann, wenn der Kassenschlager der Saison auf dem Spielplan stand: „Frau Luna“.

Volles Haus bei „Frau Luna“, erwartungsvolle Zuschauer. Doch als eine totenbleiche Frau auftritt und sagt, sie komme aus Ost-Beirut und könne das Bild ihres toten Sohnes nicht vergessen, kommt Unruhe auf. „Des baßt jetzt aber iberhaubt net zum Schtück“, stellt ein älterer Herr im feinen Anzug laut und vernehmlich fest, und sein Nebensitzer zur Rechten mokiert sich gleich mit: „Da geht’s doch um de Libanon! Ha, was geht uns denn hier de Libanon an?“ Gebrabbel und Gemurmel auf den Rängen. Erst als Paul Linkes unbeschwerte Gassenhauer „Frau Luna“ verheißen, hellen sich die unwirschen Gesichter auf. Und dann wird mitgeklatscht und mitgesummt: „Schenk mir doch ein kleines bißchen Liebä, Liebä, sei doch nicht so schlecht zu mir ...“

Nur den für Asyl werbenden Schauspielern mag man nicht ein bißchen Liebe schenken. Ein Theaterbesucher, der nach der Vorstellung an der Garderobe auf seinen Mantel wartet, sagt, wenn er vorher von der Aktion gewußt hätte, wäre er einfach später reingegangen. Ein anderer wäre „am liebsten aufgestanden und rausgegangen“. Die Aktion habe ihm den ganzen Abend „versaut“. Warum? „Na, weil wir uns auf ‚Frau Luna‘ gefreut haben, und da erwartet man doch nicht so was!“ Stimmt. Da erwartet man Fritze Steppke und seine Kumpanen, die auf dem Mond bei Frau Luna fröhlich um Asyl bitten und singen: „Wir sind vier arme Reisende und kommen aus Berlin ...“ Nicht aus Ost-Beirut.

Klaus Wagner, seit zehn Jahren Intendant am Heilbronner Theater, bleibt gelassen. „Wir nehmen die gesellschaftspolitische Aufgabe des Theaters ernst“, sagt Wagner. „Und weil wir von den Ausschreitungen gegen Ausländer und von der Diskussion um das Asylrecht in unserem Land betroffen sind, wollen wir mit solchen kleinen, dramatischen Aufblenden zum Vorstellungsbeginn das Publikum sensibel machen für Schicksale, die hinter den Statistiken stecken.“ Die Reaktionen zeigen Wagner, „daß es höchste Zeit war, im Theater aktuelle Bezüge zur Ausländerfeindlichkeit herzustellen“.