Die Entdeckung der „sittlichen Gefahr“ – oder wie die Jugend gerettet werden sollte.

Nicht die Jugendlichen – die Erwachsenen trifft das Gesetz zum Schutz der Jugend in der Öffentlichkeit, das am 4. Januar 1952 in Kraft getreten ist. Auf den ersten Blick freilich und in den ersten Paragraphen scheint es sich nur um die Jugendlichen zu handeln. Aber mit diesem ersten Blick betrachtet, ist das Gesetz auch nur eine verschärfte Neuauflage der schon geltenden polizeilichen Vorschriften für Jugendliche, beginnt es doch mit Verboten: Verboten ist der Aufenthalt für junge Leute „an Orten... an denen ihnen eine sittliche Gefahr oder Verwahrlosung“ droht, in „Gaststätten“, wenn sie noch nicht sechzehn und weder in Begleitung der Eltern noch auf Reisen sind...

An den Zeitungskiosken findet man heute in großer Auswahl Magazine mit dem Streifband „Verkauf an Jugendliche verboten“. In den Zeitungskiosken aber findet man Verkäufer, die diese Hefte trotz der Aufschrift (die wohl auch nur als Anreiz beigegeben wurde) an junge Leute verkaufen. Diese Zeitungsverkäufer sind in gewissem Sinne zwar kein schönes, aber doch treffendes Beispiel für das Verhältnis zwischen alter und junger Generation. Denn noch nie haben die Erwachsenen ihre Kinder so systematisch verführt wie heute.

Wie freilich immer im Leben, so geht’s auch hier: Das Gesetz trifft nur die kleinen, privaten Verführungen und Verführer und nicht die großen. Ungeschoren nämlich bleibt der Film, der den jungen Leuten ja nicht nur ein Wunschleben vorgaukelt, sondern ihnen auch praktische Anweisungen zu Raub, Betrug und Totschlag in die Hand gibt und sie oft nur noch zwischen kriminellen Handlungen und einer schweren Neurose wählen läßt. Ungeschoren bleibt der Rundfunk, der Schlager sendet, deren Texte in vielen Fällen Pornographien in Worten sind (wer darauf achtet, entdeckt schon bald, daß es sich dabei freilich fast immer um deutsche Schlager handelt; amerikanische und französische Textdichter sind viel zurückhaltender). Ungeschoren bleiben die Comic-Streifen in den Zeitungen, bei denen es zum Beispiel eine Folge gibt, in der ein kleiner Held sein größtes Vergnügen darin findet, Größeren die Schädeldecke mit einem Eisenhammer zu zertrümmern. Und auch dem Massensport, der es heute schon so weit gebracht hat, daß die Kinder und Jugendlichen zwar von Wettleidenschaft, aber nicht mehr von sportlicher Aktivität ergriffen werden, rückt niemand zu Leibe.

Aber dennoch wird das Gesetz so manchen Manager, der auf Kosten der Jugend Geschäfte gemacht hat, hart treffen. Während für die Jugendlichen kaum und nur in Wiederholungsfällen Strafen und Fürsorge vorgesehen sind, treffen die Paragraphen 9, 11, 13 und 14 Erwachsene, die als Inhaber einer Gastwirtschaft, einer Spielhalle oder eines Kabaretts gegen die ersten Paragraphen der Gesetze verstoßen, indem sie die Anwesenheit von Jugendlichen in ihrem Betrieb dulden, ihnen alkoholische Getränke verkaufen oder sogar – wie die Inhaber des Berliner Kabaretts „Badewanne“ – unter Kindern von 14 bis 16 Jahren zweimal in der Woche Wett-Tänze veranstalten, die die jugendlichen Paare an den Rand des körperlichen Zusammenbruchs und das Lokal selbst zu glänzenden Geschäften bringen. Solche Erwachsene können nun mit Gefängnis bis zu einem Jahr bestraft werden.

Das Gesetz hat also da seinen Ansatzpunkt gefunden, wo ein Hauptgrund für die große Jugendkriminalität und die Verwilderung der jungen Generation liegt: bei den Erwachsenen.

Dadurch aber wird diesem Gesetz hoffentlich beschieden sein, was keine ähnliche Bestimmung vor ihm bei den Jungen erreichte: Sie werden glauben, daß man es mit ihnen gut meint und daß aus diesem Gutmeinen die Paragraphen geschrieben wurden. P.H.