Alltag in Vietnam: Die Wunden des Krieges und die Wunderlichkeiten der neuen Marktwirtschaft

Von Sabine Wenke

Mit kleinen schnellen Schritten tritt der alte Mann im grauen Anzug und grauen Hut auf die Dachterrasse. Fast zärtlich blickt er einen Vogel an, der in dem Bambuskäfig in seiner Hand aufgeregt hin- und herflattert. Langsam zieht er das Tuch, das den Käfig noch zur Hälfte verdeckt, herunter, hängt ihn an eine der weißen geschwungenen Pergolen, blickt noch einmal ernst zu dem Vogel hin und verschwindet. Nach ein paar Minuten erscheint er mit einem weiteren Käfig, und so geht es fort, bis überall auf der Terrasse über den Dächern Saigons Vögel zwitschern zwischen Palmen und Orchideen und Skulpturen, und sehr weit entfernt ist das Dröhnen der Motorräder und das Hupen der Autos unten, auf der Straße.

„Der hat Glück gehabt“, sagt einer und nickt mit dem Kopf in Richtung auf den alten, hageren Mann. Er gehöre zu jenen Veteranen, die den Vietnamkrieg nicht nur überlebt haben und körperlich unversehrt geblieben sind, sondern auch eine Arbeit gefunden haben, die ihnen ein schmales Einkommen sichert.

Unten, auf der Straße, zwischen den weißen Limousinen, die in regelmäßigen Abständen vor dem Hotel vorfahren, um Geschäftsleute abzuholen, da unten sind die anderen: Männer, denen eine Mine die Hände abgerissen hat. Einbeinige. Hinkende. Verkrüppelte. Sie warten, daß jemand kommt, der sich seines schnellen Mitleids entledigt und ein paar Dong gibt, daß wenigstens dieser Anblick verschwinde: der von Holzscharnieren an dem, was von einem Bein geblieben ist.

Einem rutschen die Scheine, die er eben erhalten hat, zwischen den Armstümpfen heraus, fallen aufs Pflaster. Schnell beugt er sich vor: nur das nicht, nur das wenige nicht auch noch verlieren. Er kann die Scheine nicht aufheben. Jemand klemmt sie ihm wieder zwischen die Arme, hastig hinkt er davon.

Einer von Tausenden, die auf der falschen Seite, gekämpft haben: auf der der Amerikaner und Südvietnams. Daß viele von ihnen zwangsrekrutiert waren, interessiert niemanden mehr. Sie sind schuldig. Und bekommen daher keinen Unterhalt bis auf 20 000 Dong, also knapp drei Mark im Monat. Davon kann nicht mal leben, wer auf der Straße schläft.