Von Tom Wicker

NEW YORK. – Das Ende der Sowjetunion und der Rücktritt Michail Gorbatschows sind bedrückende Ereignisse, selbst wenn sie zunächst einen Gewinn für Freiheit und Demokratie bedeuten. Der Zusammenbruch eines gigantischen Staatsgefüges – auch wenn er weitgehend selbstverschuldet ist – hat immer etwas Tragisches. Und der friedliche Machtverzicht des großen Staatsmannes demonstrierte noch einmal seine Weitsicht, die ihn abhebt von der großen Mehrzahl der Politiker.

Präsident George Bush zollte ihm angemessene Anerkennung, als er sagte, Gorbatschow sei „verantwortlich für eine der wichtigsten Entwicklungen dieses Jahrhunderts – die revolutionäre Umwandlung einer totalitären Diktatur und die Befreiung seines Volkes von erdrückender Umklammerung“.

Präsident Boris Jelzin und die Nachfolger Gorbatschows in den neuen Republiken werden erst noch unter Beweis stellen müssen, daß sie zu ähnlichen Leistungen fähig sind. Sie – und auch wir – sollten Benjamin Franklins Antwort auf die Frage beherzigen, was die Gründerväter der Vereinigten Staaten in Philadelphia im Jahre 1787 geschaffen hätten: „Eine Republik, wenn’s denn eine bleibt.“

Vor allem verlangt die Umwandlung der Sowjetunion in die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten von Washington, die westliche Staatengemeinschaft mit mehr Voraussicht zu führen, als dies während des Kalten Krieges geschah. An die Stelle des militärischen und politischen Konfrontationskurses muß behutsame Diplomatie bei zahllosen ökonomischen und ökologischen Problemen treten, die zwar weniger apokalyptisch sein mögen als ein Atomkrieg, dafür aber langfristig bedrohlicher für Frieden und Stabilität.

Bei den enormen Umweltproblemen, deren die Welt sich eben bewußt wird – wie der Klimakatastrophe und dem Abholzen des Regenwaldes –, steht das Überleben einiger oder womöglich aller Völker auf dem Spiel. Zur Bewältigung dieser epochalen Probleme haben die Vereinigten Staaten bislang nicht im entferntesten die Voraussicht und den Mut aufgebracht, die Bush zu Recht bei Gorbatschow so gelobt hat.

Gorbatschow erkannte, daß eine Reform des politischen und wirtschaftlichen Systems der Sowjetunion unvermeidbar war, und er handelte danach – nicht unbedingt immer besonders klug, aber stets mit großen Zielen vor Augen.