Der Tschador, schwarze bedrohliche Stoffmassen, die die Frauen verhüllen und zu unattraktiven Krähen werden lassen, der Tschador, das frauenfeindliche Repressionsmittel par excellence – das ist immer das erste, was Europäern zum Iran einfällt. Alles falsch! Nicht daß ich jetzt dem Tschador als Schutzschild ewig gefährdeter Frauenwürde ein Hoheslied singen möchte, mit Sicherheit nicht. Mein Ansatz ist viel pragmatischer. Als Reisebekleidung sind der Tschador oder auch seine profane Variante, der knöchellange, weite Mantel, einfach perfekt.

Im Mantel und mit Kopftuch in einem Teheraner Hotel zu frühstücken, Mittag zu essen oder zu dinieren wirkt nur am ersten Tag befremdlich. Dann erschließen sich die praktischen Vorteile dieser Kleidung: Was man drunter trägt, ob gebügelt oder zerknittert, ob geflickt oder zerrissen, es ist egal. Außerdem sind auch sonst den Möglichkeiten keine Grenzen gesetzt. In welch anderem Land könnte eine Frau unauffällig im Bikini durch die Straßen laufen? Ein dünner, leichter Mantel darüber, blickfeste Strümpfe über die untersten Körperteile, und alle Sorgen, wie Temperatur, Anstand und Schönheit in Einklang zu bringen seien, sind erledigt. „Ich frag’ mich im Sommer, wenn die Temperaturen über dreißig Grad klettern, immer, was die iranischen Frauen unten drunter tragen und ob überhaupt etwas“, gesteht ein deutscher Geschäftsmann im Teheraner „Esteglal“-Hotel. Auch er macht sich so seine Gedanken.

Zum Beispiel: Abends um zehn bekomme ich von einem Journalistenkollegen einen Anruf, ob ich mit ihm noch einen Tee in der Lobby trinken wolle. Eigentlich gern, nur liege ich schon im Bett. Aber wir sind ja im Iran. Den Mantel über den Pyjama gezogen, und schon bin ich für einen Ausflug in die aufregende Welt des – zugegebenermaßen sehr beschränkten – Teheraner Nachtlebens gekleidet. Ob die anderen Damen, die so scheinbar harmlos in der Lobby plaudern, auch alle im Schlafanzug ihren Nachttee trinken? Oder gar im Negligé?

„Der Tschador“, so schreibt der Reisebuchautor Edouard Sablier in seinem Iranführer 1963, „ist eine bequeme Kleidung für die Frauen des Kleinbürgertums, die sich nicht – wie ihre europäischen und amerikanischen Schwestern – zu fragen brauchen, was sie anziehen werden, bevor sie Einkäufe oder Besuche machen.“ Recht hat der Mann, nur warum muß er aus der Bequemlichkeit eine Klassenfrage machen? Geht es den wohlhabenden Damen des Teheraner Nordens nicht genauso wie den Kleinbürgerinnen und Arbeiterinnen des Teheraner Südens? Nirgends in der Welt habe ich so viele teure, exquisite Mäntel gesehen wie in Teheran. Doch was tragen die reichen Damen in ihrem sorglosen Alltag darunter? Ich habe guten Grund, daran zu zweifeln, daß es genauso vollkommen und durchgestylt ist wie die Mäntel. „In Paris arbeiten Schneider exklusiv für den iranischen Mantelmarkt“, vertraut mir eine Dame der High-Society an. Die Verbindung von modischer Eleganz und islamischer Tugendhaftigkeit ist den französischen Nadelkünstlern voll gelungen. Teheran, das ist das Mantelparadies der Welt.

„Nur im Winter“, erzählt Faroukh, „wird es kompliziert. Man braucht einen dünnen Mantel fürs Restaurant und einen dicken für draußen.“ Nun ja, das mag etwas beschwerlich sein, insbesondere, da man sich zum erregenden Mantelwechsel einen intimen, unbeobachteten Ort suchen muß.

Nicht ganz so begeistert fällt allerdings ein Loblied auf die im Iran vorgeschriebene weibliche Kopfbedeckung aus. Ein Kopftuch kann auch Martyrium bedeuten. Im Sommer kleben die Haare verschwitzt am Kopf, die Kopfhaut juckt.

Mein Kompromiß Vorschlag für die Mullahs: Mantel ja, Kopftuch nein. Aber diese pragmatische Lösung geht wohl an der ideologischen Wirklichkeit vorbei. So halten sich auch im Iran wie überall Freud und Leid die Waage. E. K.