Von Werner A. Perger

Der Kinkel“, sagt Klaus Kinkel gerne, wenn er über Kinkel spricht. Etwa so: „Der Kinkel ist doch erst Anfang Februar 1991 in die FDP eingetreten, nachdem er als Exot Minister geworden ist.“ Oder so: „Der Kinkel ist als Neuer noch unverbraucht.“ Und so: „Der Kinkel betont Themen, die Menschen wirklich betreffen.“

Der Kinkel: Im vergangenen Herbst hat er – im thüringischen Suhl – seinen ersten Parteitag mitgemacht. All die Bonner Jahre, als Mitarbeiter Genschers und als Staatssekretär Engelhards, kein Parteitag – fürwahr eine exotische Leistung. In Suhl hat der Bundesjustizminister nicht viel gesagt, aber enormen Beifall bekommen. „Diese unglückselige Beifallsgeschichte“, nennt er im Rückblick die kleine Demonstration der Hoffnung und Erwartung an der Parteibasis, aber wirklich unangenehm war sie ihm nicht.

Spätestens in Suhl hat das Gerede um Kinkel und dessen Zukunft in der FDP begonnen und ist seither nicht mehr verstummt. Was das bedeutet, ist dem Aufsteiger klar: Die Partei erwartet mehr von ihm als nur die korrekte Leitung des Justizministeriums. Das hat er schon während der acht Jahre seit der Bonner Wende unter Engelhard gemacht. Mehr als sein eigener Staatssekretär muß Kinkel nun schon sein.

Darüber ein bißchen nachzudenken, hatte der 55jährige FDP-Mann sich denn auch in einer ersten kleinen Bilanz für die Weihnachtspause vorgenommen. „Jetzt muß der Kinkel sich überlegen, ob er so schmal bleiben will, wie er vielleicht wirkt oder zum Teil auch ist.“ Und dann der Wechsel zur ersten Person: „Oder soll ich breiter werden?“

Er hat sich entschieden. Auf dem Stuttgarter Dreikönigstreffen präsentierte Klaus Kinkel sich politisch deutlich eine Nummer breiter. Ein Liberaler, der Inhalte diskutiert und dabei ausdrücklich an Karl-Hermann Flach anknüpft, den engagierten sozialliberalen Streiter der frühen siebziger Jahre. Das ist ungewöhnlich in Lambsdorffs FDP, aber wie die Reaktion in Stuttgart zeigte, gibt es dafür – um es zeitgemäß zu sagen – inzwischen wieder einen Markt. Die zustimmende Reaktion war eindeutig: Kinkel ist nunmehr deutlich die dritte Option für die Lambsdorff-Nachfolge, neben Irmgard Schwätzer, die im vergangenen Jahr mehr privat als politisch auf sich aufmerksam machte, und Jürgen Möllemann, dem seine PR-Aktionen immer öfter danebengehen. Hans-Dietrich Genscher, der sich jahrelang vorwiegend um den Aufstieg dieser beiden gekümmert hat, trug dem sogleich Rechnung. Kinkel habe das Zeug, sagte Genscher am Dreikönigstag zu Beginn seiner Rede, dem Weg des legendären Thomas Dehler – er war Justizminister und Parteivorsitzender – zu folgen. Als Kompliment war das gar nicht schlecht, nach elf Monaten in der Partei.

Der verbreiterte Kinkel: Die FDP, sagte er in Stuttgart, „muß Anwalt der Schwachen, Ausgegrenzten, zu kurz Gekommenen in dieser Gesellschaft sein; der körperlich und geistig Behinderten, für die eben nicht alle anderen sorgen“. Kinkel redete von den Alten und von den Pflegebedürftigen in einer Weise, die deutlich werden ließ, daß er dem Denken – und dem Pflegemodell – eines Norbert Blüm nähersteht als der Klientelrhetorik seiner Parteifreunde.