Von Henryk M. Broder

Im Museum am Checkpoint Charlie, wo früher die Mauer die Stadt teilte, finden in unregelmäßigen Abständen „Täter-Opfer-Gespräche“ statt zwischen ehemaligen Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit auf der einen und den von der Stasi Bespitzelten und Verfolgten auf der anderen Seite.

Man muß sich diese Gespräche als eine Art gruppendynamische und gruppentherapeutische Veranstaltung vorstellen. Auf der Bühne sitzen sechs, sieben enttarnte Ex-Stasi-Mitarbeiter, sowohl hauptamtliche wie informelle, und „bekennen“ sich. Die einen mehr, die anderen weniger deutlich. Einige reden frei, sind kaum zu bremsen, anderen muß man jeden Satz mühsam abtrotzen. Im Saal sitzen siebzig, achtzig Zuhörer, viele haben mit der Stasi in irgendeiner Form zu tun gehabt und wollen jetzt wissen, warum sie überwacht wurden und was sich die Stasi-Leute bei ihrer Tätigkeit eigentlich gedacht haben. Ab und zu dreht einer durch. „Es ist schon wieder keiner gewesen!“ schreit plötzlich ein Mann aus dem Saal, „wer von euch hat mich in den Bau gebracht, ich hab’ drei Jahre gesessen, weil ich gesagt habe, mit der DDR geht’s bergab, wem hab’ ich das zu verdanken?!“ – Die Stasi-Leute auf der Bühne schauen ungerührt drein. Keiner von ihnen fühlt sich angesprochen.

Trotz gelegentlicher Ausbrüche von Stasi-Geschädigten handelt es sich bei den „Täter-Opfer-Gesprächen“ um eine durchaus gesellige Form des Beisammenseins. Neben dem großen Tisch, an dem die Ex-Stasis sitzen – es sind sechs Männer und eine Frau –, hat man einen kleinen Tisch aufgebaut. Darauf stehen zwei große Platten mit belegten Brötchen, eine Käsetorte und eine große Thermoskanne mit Kaffee. Alle paar Minuten steht ein Zuhörer aus dem Publikum auf, stapft nach vorne, holt sich ein Brötchen oder eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen und kehrt wieder an seinen Platz zurück. Ungefähr genauso gemütlich muß es früher zugegangen sein, wenn die IM mit den Objekten ihrer geheimdienstlichen Neugierde oder ihren Führungsoffizieren plauderten.

Und doch erfährt man hochinteressante Dinge. Da ist ein Ex-Pfarrer dabei, der als IM angeheuert wurde. Er war ein Oppositioneller und ein Systemgegner, und als solcher wurde er eines Tages von einem Stasi-Offizier angesprochen: „Wenn Sie die Verhältnisse in der DDR verändern wollen, warum dann nicht in freundlicher Zusammenarbeit mit uns, gegen uns läuft doch nichts.“ Das leuchtete ihm ein. – Da ist ein Hauptamtlicher, der kurz vor der Wende den Dienst quittierte und der nun die „friedliche Revolution“ lobt. „Das hat es noch in keinem Land gegeben, daß bei einer Revolution keine Fensterscheibe zu Bruch gegangen ist.“ Es sind keine Schurken, die da zusammensitzen, keine sinistren Gestalten von dämonischer Ausstrahlung, sondern lauter Menschen wie du und ich: Der eine hat Übergewicht, der andere einen Bart wie Käpten Popeye, ein dritter täte gut daran, sich mal die Haare zu waschen. Würde man ein Stück über die „Banalität des Bösen“ inszenieren, müßte man es mit diesen Figuren besetzen.

Langsam, aber unaufhaltsam steigt aus dem Abgrund, in dem die DDR versunken ist, eine Ahnung auf: Vielleicht war die Stasi nicht das, wofür sie im Westen gehalten wurde, nicht der Gewaltapparat, der das Volk terrorisierte, sondern eine Art VEB „Soziales Netz“, das flächendeckend das Land umspannte, das die Gestrauchelten auffing, sie resozialisierte und auch wie ein Trampolin funktionierte, das heißt diejenigen, die es verdienten, in höhere Positionen beförderte.

„Es ist einer der grotesken Irrtümer der westdeutschen Intelligenzija, daß sie die Wirkung des Mielkeschen Apparates jahrzehntelang ignorierte“, schreibt Karl Corino, ein westdeutscher Kenner der Verhältnisse in der „Zone“. Er meint damit „die Durchdringung des ganzen Alltags in der DDR“. Und Rolf Schneider, der von „drüben“ kommt, sagt: „Diese Institution, im Besitze aller Informationen über gewesenes und künftiges Geschehen im Land, ausgestattet mit der modernsten Technik und einer Armee von hochbezahlten Hilfskräften, versagte just bei der Gelegenheit, die zu verhindern oder abzuwenden sie einzig geschaffen war... Die epochale Komik ist unüberbietbar, aber keiner will sie wahrhaben ...“