Von Joachim Jung

WIEN. – Obwohl seit dem Niedergang der Habsburgermonarchie mehr als sieben Jahrzehnte verstrichen sind, wird das Andenken an die imperiale Vergangenheit in Wien weiterhin wachgehalten. Die Enthusiasten des alten Österreich treffen sich regelmäßig zu Symposien, Konferenzen und Wissenschaftstagungen, wo sie gemeinsam mit ausgewählten Kollegen aus Laibach oder Agram, Krakau oder Triest die Ära Kaiser Franz Josefs analysieren. Die Ergebnisse dieser Forschungsgespräche laufen zumeist auf eine Glorifizierung der „guten alten Zeit“ hinaus, eine Sichtweise, die für das soziale Elend und die ethnischen Spannungen der ausgehenden Donaumonarchie nur wenig Raum läßt.

Es wäre jedoch verfehlt, die Aktivitäten dieser konservativ-klerikalen Kreise als reine Nostalgiepflege abzutun. Es geht ihnen nicht um Sonntagsreden, sondern um handfeste politische Ziele. Man will die verlorengegangenen Völker wieder um sich scharen, in der Hoffnung, daß Wien dann erneut zum kulturellen und politischen Zentrum der Region aufsteigt. Jahrelang warteten die „Altösterreicher“ auf ihre Chance, und mit dem Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa sahen sie sie gekommen. Der Diplomat Johannes Dengler brachte es auf den Punkt: „Mit der Unabhängigkeit dieser Völker stellt sich die Frage nach der Bewahrung der Freiheit... Und da richten sich die Augen auf Österreich.“

Um den in Verwirrung und Unordnung geratenen Völkern wieder zu einer festen Bindung zu verhelfen, schlug Dengler die Gründung einer Donau-Föderation vor: „The United States of Danubia“. Ein kühnes Unterfangen, aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg: „Dazu bedarf es Phantasie und der Kraft zur Vison. Österreichs Politiker und Diplomaten, die ganze Intelligenz dieses Landes sind in einem unwiederbringlichen Augenblick der Geschichte gefordert.“ Wie man die Sache am besten angeht, verriet im vergangenen März der ehemalige ÖVP-Nationalratsabgeordnete Felix Ermacora. Er sprach während einer Tagung in Klagenfurt von einem möglichen „Anschluß“ Sloweniens an Österreich.

Wenn diese Äußerung überall in Österreich Proteste und Dementis hervorrief, dann nicht nur wegen der völkerrechtlichen Bedenken, sondern auch, weil Ermacora die Regel verletzt hatte, mit größter Behutsamkeit vorzugehen und nationale Empfindlichkeiten zu schonen. Im Verkehr mit osteuropäischen Kollegen sprechen die Altösterreicher nur ungern vom Habsburgerreich, sie umschreiben die Gemeinschaft ihrer Träume lieber mit Begriffen wie „Donauraum“ oder „Mitteleuropa“. Da diese Termini mit den Grenzen des verflossenen Reiches nur schwer in Einklang zu bringen sind, behilft man sich: Man blendet die Quelle und die Mündung der Donau aus und läßt sie erst in ihrer Mitte zu einem völkerverbindenden Strom anschwellen, dessen Glanz und Herrlichkeit dann freilich bis nach Istrien und Galizien ausstrahlen.

Etwas schwieriger gestaltet sich diese Operation bei dem Begriff „Mitteleuropa“, gilt es doch, den größten Brocken, das riesige Deutschland, aus ihm zu entfernen. Da alle Atlanten die Konstruktion widerlegen, wird Mitteleuropa zu einer Idee und zukunftsweisenden „Friedensaufgabe“ erhoben, an der Deutschland aufgrund seiner historischen Sünden keinen Teil haben dürfe. Der Spiritus rector der altösterreichischen Bewegung, der ÖVP-Vorsitzende und Vizekanzler Erhard Busek, erklärte in seinem programmatischen Werk „Projekt Mitteleuropa“ denn auch kategorisch, Deutschland habe sich in zwei blutigen Weltkriegen „aus Mitteleuropa verabschiedet“.

Diese slawophile, von anti-deutschen Ressentiments getragene Ideologie konnte in Österreich nie mehr als eine kleine, wenngleich gut finanzierte Minderheit begeistern. Was ihr zugrunde liegt, ist die Sehnsucht nach den entlaufenen Untertanen. Diese Sehnsucht stößt jedoch auf Widerspruch. Prag ist der Meinung, den Platz als Zentrum Mitteleuropas sehr gut selber ausfüllen zu können. Budapest ließ die geplante Weltausstellung mit Wien platzen. Und wenn sich die Augen der Osteuropäer nach Westen richten, dann statt nach Wien lieber nach Brüssel, Paris oder Bonn, weil dort langfristig mehr zu holen ist.