Von Marlies Menge

Die Treuhand Schwerin, so hieß es in der Zeitung, habe inzwischen fast alle Betriebe privatisiert. Ob wohl auch die Familie Dunkel ihre Seilerei zurückbekommen hat? Zu DDR-Zeiten war sie volkseigen geworden, zum VEB. „Vaters ehemaliger Betrieb“ hatte Karl-Friedrich Dunkel spöttisch daraus gemacht. Der Vater mußte sich nämlich in den sechziger Jahren entscheiden: ’entweder die Seilerei zu behalten oder den Laden, in dem er vor allem Anglerbedarf verkaufte. Er hatte sich für den Laden entschieden. So erzählte der Sohn, sein Nachfolger, als ich ihn vor fünf Jahren besuchte. Sein Laden und außerdem die Drechslerei Zettler waren mir von offizieller Stelle ausgesucht worden als Beispiele privater Handwerksbetriebe und Geschäfte, damals eine Seltenheit inmitten der sonst üblichen volkseigenen Betriebe und HO-Läden.

Die Einkaufsstraße, in der das Anglergeschäft der Dunkels liegt, hat inzwischen ihren Namen geändert: von Hermann-Matern- zu Mecklenburgstraße. Alle großen westlichen Ladenketten scheinen inzwischen hier etabliert zu sein. Überall wird gebaut, werden Häuser renoviert. Vorm Geschäft von Karl-Friedrich Dunkel hängt eine neue blaue Markise mit der Aufschrift „Seilerwaren – Angelgeräte – Bootsartikel“. Fenster und Türen sind neu. Der Laden sieht aus, wie Läden im Westen alle aussehen. Nur die alten Verkaufstische erkenne ich wieder. Sie sollen bleiben.

Ich habe den Laden voller, den Betrieb hektischer in Erinnerung, und Karl-Friedrich Dunkel bediente in einer Geschwindigkeit, daß mir vom Zusehen schwindlig wurde. Inzwischen hat er einen kleinen Bauch angesetzt und trägt statt des Arbeitskittels von damals ein modisch buntes Hemd. Nein, sagt er, er hat keinen Anspruch auf die Seilerei erhoben. Der Vater hat sie damals an den Staat verkauft, und es würde sicher viel Zeit und Kraft kosten, sie wiederzubekommen. Das will Dunkel nicht.

Im kleinen Büro hat seine Frau Kaffee vorbereitet und Brötchen mit selbst ausgelassenem Schmalz. Das Haus, in dem das Geschäft ist, gehört gottlob einer Erbengemeinschaft, erzählt Dunkel, den Nachkommen von Friedrich Rose, Dunkels Großvater mütterlicherseits. Einer der westlichen Nachkommen des alten Rose habe Ansprüche auf seinen Anteil angemeldet. Dunkel hat aufgelistet, was an dem Haus alles gemacht werden muß, und hofft nun auf die Einsicht des westlichen Verwandten.

Gleich als es möglich war, sind Dunkels nach Mölln gefahren und nach Hamburg. „Und natürlich zur Bootsausstellung nach Düsseldorf, im Januar 1990. Damals habe ich schon Kontakte zu Betrieben geknüpft. Ja, und dann kam die Währungsunion. Zuerst habe ich einen Partner aus Hamburg gehabt, der kam gleich nach der Wende her und hat gesagt: Ich schicke dir zum 2. Juli die gesamte Ladeneinrichtung. Ich hatte das volle Sortiment aus Hamburg – und unseres zusätzlich.“ Strömten die Leute daraufhin in seinen Laden? „Ach nein, die hatten erst mal andere Wünsche: Autos, Fernsehen, Videos ... Aber Angeln ist wie eine Sucht. Wer einmal damit angefangen hat, der gibt es nicht wieder auf.“ Frau Dunkel ergänzt: „Inzwischen sind viele arbeitslos und haben mehr Zeit zum Angeln.“

Mit dem Hamburger Partner gab es bald Meinungsverschiedenheiten in puncto Geld. „Irgendwann habe ich ihm gesagt: Ich habe genug Umsatz, ich mache das allein ...“ Der Umsatz hat sich auf etwa ein Drittel des früheren eingepegelt. Dafür hat sich die Miete an die Erbengemeinschaft versechsfacht. „Die Gesetze des freien Marktes sind hart“, sagt Dunkel. Am schlimmsten aber findet er, daß sich jetzt alles nur noch ums Geld dreht: „Jedes zweite Wort ist Geld.“ Daran zerbröckeln sogar Freundschaften.